Verlorene Illusionen
Frische, der Duft der Rose, die Stimme der Nachtigall, der Flügelschlag des Schmetterlings – das seien die Qualitäten von Jules Massenets Musik, schreibt Camille Saint-Saëns nicht ohne subtile Ranküne über die im Dezember 1881 im Brüsseler Théâtre de la Monnaie uraufgeführte «Hérodiade» seines Konkurrenten um die Gunst des Belle-Époque-Publikums.
Der schmachtende, an seinem Ende chromatisch sich verdichtende Skalenaufstieg mit abschließendem Quartfall, mit dem in Massenets Vorspiel Johannes der Täufer angekündigt wird, steht beispielhaft für eine Ästhetik der einschmeichelnden Überredung durch konventionelle Erinnerungsmotive und -melodien. Saint-Saëns aber hatte in München die Uraufführungen von «Rheingold» und «Walküre» und dann in Bayreuth 1876 den ganzen «Ring» gehört. Er kannte die Hypotheken auf dem Weg zu einer neuen, eigenen Konzeption. 15 Monate nach der «Hérodiade» sollte in Paris sein monumentaler «Henry VIII» uraufgeführt werden. Der beginnt historisierend-distanziert mit einem British tune des frühen 17. Jahrhunderts. Olivier Py hat nun in Brüssel den «Henry», Lorenzo Fioroni in Düsseldorf die «Hérodiade» inszeniert – eine einmalige Chance, die so verschiedenen ...
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Opernwelt Juli 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Klaus Heinrich Kohrs
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