Unterkühlte Sinnlichkeit
Die Regel scheint sich immer mehr zu bewahrheiten: Wenn Olivier Py im Genfer Grand Théâtre inszeniert, ist Provokation vorprogrammiert. Bereits die Kreuzigungsszene in «Damnation de Faust» hatte im Publikum heftigen Protest entfacht. Im Fall des neuen «Tannhäuser» bahnte sich gar, wollte man einigen Medien Glauben schenken, ein handfester Skandal an. Py hatte für die große Venusbergszene der Pariser Fassung einen Pornostar engagiert, der in Frankreich unter dem Kürzel HPG zu großer Berühmtheit gelangt sein soll.
Najaden, Satyrn und Bacchantinnen lässt Py mit viel nackter Haut in überaus künstlichen Choreografien Wagners wortreich beschriebene Lustspiele vorturnen, während Monsieur HPG als Zeus in Stiergestalt mit erigiertem Penis Europa entführt. Ein Skandal hat sich nicht ereignet, und am Ende war die scheinbar so provokative Episode längst vergessen, zu nachhaltig war die musikalische Interpretation, zu exzellent die Besetzung.
Vor allem aber blieb die Venusberg-Szene erstaunlich unterkühlt – was ohne Zweifel zum Konzept der Inszenierung gehört. Olivier Py und Pierre-André Weitz operierten erneut (wie 2004 im «Tristan») mit viel Dunkel, in dem nur aus Neonröhren etwas Licht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Roberto de Simone, erfahrener neapolitanischer Musik- und Theatermann, erfüllte sich einen alten Traum, indem er Paisiellos komische Oper «Socrate immaginario» aus dem Jahr 1775 im Teatro San Carlo inszenierte. Von seinem Musiklehrer Anfang der fünfziger Jahre auf die Buffa aufmerksam gemacht, ließ ihn diese spöttisch-ironische Burleske, bei der sich die...
«Leicht will ich’s machen dir und mir», singt die Marschallin im «Rosenkavalier». An Opernaufführungen im Festsaal von Schloss Esterházy hat sie dabei freilich nicht gedacht. Denn den in sich geschlossenen barocken Raum für Bühnenaufführungen zu nutzen, den wunderbaren Fresken und Deckengemälden Carpoforo Tencallas theatralische Bilder entgegenzusetzen, ist eine...
Ein Gespenst geht um in der Opernszene. Es hört auf einen alten Begriff, den es verzerrt: Aktualität. Als sich Calixto Bieito kürzlich in Berlin an «Madame Butterfly» vergriff, verlegte er die Handlung in ein Etablissement für Sextourismus. Die Aufführung zu rezensieren, lohnt sich nicht, da sie nur ein weiteres Beispiel für die Guinness-Buch-verdächtige Fähigkeit...
