Unterbelichtet
Die Zukunft seiner Zunft hatte der Fotograf Hans Böhm klar vor Augen: Szenenfotografien aus dem Theater, schwarz-weiß, gut belichtet, gestochen scharf, während der Probe aus dem dunklen Zuschauerraum heraus geschossen. Noch vor Kurzem war das undenkbar, aber jetzt, im Herbst 1924, machte die Dresdner Firma Ernemann Reklame für eine neuartige Kamera: die Ermanox, mit dem lichtstärksten Objektiv der Welt. Die Zukunft schien begonnen zu haben.
«Früher», schrieb er, «wurden entweder die Darsteller ins Atelier des Photographen eingeladen und mußten dort mit Sack und Pack, mit ihren in Taschen und Koffern verpackten Kostümen und Perücken, mit Friseur und Garderobier erscheinen, oder aber der Photograph bemächtigte sich ihrer während der Generalprobe, gerade wenn sie am meisten nervös und abgespannt waren, und baute sie auf der Bühne zu einer möglichst malerischen Gruppe auf.» An ein authentisches Szenenfoto, das scharf war, ausreichend belichtet und nicht verwackelt, war nicht zu denken gewesen; zu schlecht waren sowohl die Fototechnik als auch die Lichtverhältnisse im Theater.
Aber nun: Von nun an würde sich der Fotograf mit seinem Apparat in die Loge setzen und seine ...
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Opernwelt Januar 2017
Rubrik: Essay, Seite 52
von Florian Zinnecker
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