Unter dem Vulkan
Eine «Extravaganza musicale in technicolor» kündigt das bühnenhohe Filmplakat an, das einen muskelbepackten Helden mit Schnauzbart in einem antikisierenden Floß auf wildtosendem Meer zeigt. Ein Zufall ist es nicht: Der Film, der hier in den nächsten dreieinhalb Stunden entstehen wird, ist eigentlich eine Oper – Nicola Antonio Porporas «Polifemo» von 1735.
Das Libretto von Paolo Antonio Rolli überblendet in einer bei der Opera seria nicht immer erwartbaren dramaturgischen Schlüssigkeit zwei Mythenkreise rund um den einäugigen Riesen, einerseits seine vergebliche Liebe zur Nymphe Galatea, die ihm den Hirten Aci vorzieht, andererseits die Blendung durch Odysseus, der damit sich und mindestens einen Teil seiner Gefährten vor dem Verzehr durch den Zyklopen rettet. Geschichten sind das, denen sich, wie Bruno Ravella bei seiner Inszenierung für die Opéra national du Rhin aufgefallen ist, mit Vorliebe auch der italienische Sandalenfilm der 1950er- und 1960er-Jahre widmete, auf den hier nicht nur das namengebende Schuhwerk verweist, sondern auch die mint -grüne, violette und gelbe Farbästhetik der Oberbekleidung.
Dabei verkoppelt Ravella zwei Ebenen miteinander: diejenige der Filmbilder ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Michael Stallknecht
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Der tschechische Musikwissenschaftler Vladimír Karbusický zitierte in seinen Hamburger Seminaren mit ironisch zusammengekniffenen Augen gern die (natürlich von ihm stammende) strukturelle «Ur-Formel» alles Klingenden: «Musik ist Wiederholung und Variation.» Das war im letzten Jahrhundert und besitzt, trotz der ironischen Simplizität des Merksatzes, einen wahren...
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