Unter dem Vulkan

Bruno Ravella spielt in Porporas «Polifemo» an der Opéra national du Rhin lustvoll mit den Klischees des Sandalenfilms, Emmanuelle Haïm übermalt die Szene extrem energiegeladen

Opernwelt - Logo

Eine «Extravaganza musicale in technicolor» kündigt das bühnenhohe Filmplakat an, das einen muskelbepackten Helden mit Schnauzbart in einem antikisierenden Floß auf wildtosendem Meer zeigt. Ein Zufall ist es nicht: Der Film, der hier in den nächsten dreieinhalb Stunden entstehen wird, ist eigentlich eine Oper – Nicola Antonio Porporas «Polifemo» von 1735.

Das Libretto von Paolo Antonio Rolli überblendet in einer bei der Opera seria nicht immer erwartbaren dramaturgischen Schlüssigkeit zwei Mythenkreise rund um den einäugigen Riesen, einerseits seine vergebliche Liebe zur Nymphe Galatea, die ihm den Hirten Aci vorzieht, andererseits die Blendung durch Odysseus, der damit sich und mindestens einen Teil seiner Gefährten vor dem Verzehr durch den Zyklopen rettet. Geschichten sind das, denen sich, wie Bruno Ravella bei seiner Inszenierung für die Opéra national du Rhin aufgefallen ist, mit Vorliebe auch der italienische Sandalenfilm der 1950er- und 1960er-Jahre widmete, auf den hier nicht nur das namengebende Schuhwerk verweist, sondern auch die mint -grüne, violette und gelbe Farbästhetik der Oberbekleidung.

Dabei verkoppelt Ravella zwei Ebenen miteinander: diejenige der Filmbilder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Michael Stallknecht

Weitere Beiträge
Im Garten der Verlockungen

Schon Hermann Bahr wusste es: «Was zieht im Theater? Was den Frauen gefällt. Was gefällt den Frauen? Was von ihrer Sache handelt. Was ist ihre Sache? Was sie Liebe nennen.» Zwar galt die ätzende Bemerkung des Schriftstellers und Kritikers der Komödie «Candida» von George Bernard Shaw, doch darf man sie durchaus auch auf die Operette beziehen, als aphoristisches...

Rette sich, wer kann (das Leben)

Der tschechische Musikwissenschaftler Vladimír Karbusický zitierte in seinen Hamburger Seminaren mit ironisch zusammengekniffenen Augen gern die (natürlich von ihm stammende) strukturelle «Ur-Formel» alles Klingenden: «Musik ist Wiederholung und Variation.» Das war im letzten Jahrhundert und besitzt, trotz der ironischen Simplizität des Merksatzes, einen wahren...

Lost Highway

Es ist kaum zu glauben. Wer das Stück in der phänomenalen Produktion des Opernhauses Zürich erlebt, könnte es für eine Schöpfung unserer Tage halten. Tatsächlich aber stammt «Amerika» von Roman Haubenstock-Ramati aus den Jahren 1962 bis 1964 – dass das Werk bei seiner Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin, deren Intendant Gustav Rudolf Sellner es in Auftrag...