Unschuldig ist niemand
Kein Sympathieträger, nirgends. Nur empathielose, machtgeile Ausgeburten einer verkommenen englischen Adelsgesellschaft. Drei der fünf Protagonisten bleiben auf der Strecke: der namenlose König, sein Lover Gaveston und sein entmachteter Militärexperte Mortimer, der wiederum Gaveston ermorden lässt, bevor er selbst umgebracht wird. Über körperliche und seelische Gewalt erfährt man in George Benjamins Erfolgsoper von 2018 genug.
Wo aber bleibt die Liebe? Auch sie ist im Libretto von Martin Crimp nach Christopher Marlowes Schauspiel «Edward II» pervertierte Gewalt mit einem gehörigen Schuss Sadismus. Die homoerotische Beziehung des Königs steht für körperliche, seine Ehe mit Königin Isabel für seelische Grausamkeit.
Und doch liegt auch Liebe in der Luft des Ulmer Theaters: die Liebe zur Kunst, genauer zur Musik. Man kann sie als erfüllten Wunschtraum des Königs verstehen, der sich lieber mit Theater und Konzerten als mit seinen Regierungsgeschäften befasst. Man kann sie allerdings auch als ästhetischen Kontrapunkt des Komponisten begreifen, der mit Schönheit auf die quälende Bosheit auf der Bühne reagiert, als wolle er seinem Publikum zurufen: Es gibt noch etwas anderes, hört nur ...
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Opernwelt August 2024
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Lotte Thaler
Irgendwann wurde es ihm dann doch zu viel. Die Berge voller Leichen, das Blut, die verstümmelten Körper, das martialische Kriegsgeschrei, dieser unaufhörliche, schauderhafte Schrecken war so unaushaltbar geworden, dass er beschloss zu gehen, irgendwohin. Jedenfalls hinunter von der Bühne, heraus aus dem Theater der Grausamkeit, hinein in ein neues, anderes,...
Er war, im November 1924, zur Bestrahlung seines Kehlkopfkrebses nach Brüssel gekommen. Brüssel aber wurde Puccinis Sterbeort, und er hinterließ seine letzte Oper unvollendet, mutmaßlich nicht nur nicht fertig komponiert, sondern stehengeblieben in einer dramaturgischen Sackgasse. Mutmaßlich hätte Puccinis Genie mit dem vorgesehenen außerordentlichen Liebesduett...
Diese Tonart, das wissen wir nicht erst seit Puccinis Musikdramen, sondern bereits aus den Zeiten Johann Sebastian Bachs, verheißt wenig Wohliges. H-moll, das klingt nach Abschied, nach Sorgenfurchen, nach Tod. Und wenn Franz Schubert das letzte Lied der «ersten Abteilung» seiner «Winterreise» in diese Tonart kleidet, dann ahnt auch der Wanderer, dass sein Weg wohl...
