Und der Haifisch hat kaum Zähne
Bertolt Brecht hielt nicht besonders viel von der Oper – für ihn war sie ein «wirklichkeitsfremdes» Vergnügen für dicke Bäuche samt Uhrkette und ihre aufgetakelten Gattinnen. Gleichwohl beließ er es nicht bei seiner Kritik an der «völligen Verblödung» der Gattung, sondern erkannte in dieser erzbürgerlichen Kunstform auch das Trojanische Pferd, um seine Kapitalismuskritik in die großen Kulturtempel zu schieben. Mit dem «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» landeten Brecht und Kurt Weill schließlich den angepeilten Skandal in der sterbenden Weimarer Republik.
Im Vergleich zu diesem sperrigen Meisterwerk ist die «Dreigroschenoper» gar keine Oper im landläufigen Sinn, sondern ein experimenteller Zwitter aus Schauspiel, Politrevue, Songspiel und Genreparodie – eine Art niederschwellige Garagenoper, die es bis zum Verbot durch die Nazis auf fabelhafte 10.000 Aufführungen europaweit gebracht hat. Der Clou dieses Megaerfolgs war, dass der Systemkritiker Brecht glänzend daran verdiente: Kaltschnäuzig hatte er sich zwei Drittel der Tantiemen ausbedungen, während für Weill und die Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann (sie lieferte immerhin den Löwenanteil des Textes) nur ein vergleichsweise ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Michael Struck-Schloen
Das Geraune war einigermaßen groß in der Gelehrtenrepublik, seinerzeit, kurz vor der Jahrtausendwende, als die Staatsoper Stuttgart einen neuen «Ring» annoncierte, doch eben nicht irgendeinen. Gleich vier Regieteams, so sah es der kühne, aber dramaturgisch durchdachte Plan des Intendanten Klaus Zehelein vor, sollten sich der Tetralogie annehmen – vermutlich nicht...
Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer...
Eine Fellmütze, aus der Büffelhörner sprießen: Dieser stumme Mann gehört nicht hierher. Jacob Chansley alias der «QAnon-Schamane» und ikonischer Teil des Mobs, der 2021 das US-Kapitol stürmte, hat sich nach Moskau verlaufen. Auch in ein anderes Zeitalter und in ein anderes System? Da kann man sich nicht ganz so sicher sein. Sagt diese Produktion, die sich einreiht...
