Tyrann mit Schwein

Wagner: Lohengrin am Theater Bremen

Opernwelt - Logo

Wie verführbar ist ein Volk? Eine brisante, eine hochpolitische Frage – zu allen Zeiten und gerade auch in unserer unmittelbaren Gegenwart. Frank Hilbrich versucht, sie in seiner «Lohengrin»-Inszenierung zu beantworten. Und so liest sich seine Geschichte: Brabant – der Name ist austauschbar – steht politisch und gesellschaftlich am Abgrund. Das zeigt sich am Prozess gegen Elsa, Tochter des verstor -benen Herzogs, die ihren Bruder Gottfried, den Thronfolger, ermordet haben soll. Das Gericht erstickt in Akten, man weiß sich keinen anderen Ausweg als ein ominöses Gottesgericht.

Da erscheint ein Fremder, eine Art vagabundierender Naivling mit merkwürdig legeren Umgangsformen, und ergreift die Gelegenheit, sich zum Retter Elsas und auch des Volkes zu stilisieren. Willig und ohne sein Wesen und seine Herkunft zu hinterfragen, folgt man ihm, selbst als er seinen Untergebenen die Daumenschrauben anlegt und allmählich zum demagogischen Tyrannen wird. Erst als Elsa das tut, was ihr und dem Volk von diesem merkwürdigen, selbsternannten Herrscher verboten wurde, als sie ihm nämlich die selbstverständliche Frage stellt, wer er denn eigentlich sei, bricht das Konstrukt zusammen. Brabant – der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2024
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Gerhart Asche

Weitere Beiträge
Ein sehr gut gekanntes Märchen

Im April erst hatte der Intendant Peter de Caluwe bekannt gegeben, dass sich der Castellucci-Ring der Monnaie nicht runden würde und dass mit dem «Siegfried» nun Pierre Audi übernehmen sollte. Solche Kurzfristigkeit grenze im Opernbetrieb ans Unmögliche, bekräftigten der Intendant und sein neuer Regisseur noch einmal vor der Premiere: Doch müsse man in der Kunst...

Nürnberg alaaf!

Endlich bekommt man die Beckmesser-Harfe einmal zu Gesicht! Dieses wie auf dürren Vogelbeinen stehende Zwerginstrument, das Richard Wagner erfand (oder erfinden ließ), um den gewünschten Fake-Klang für die Laute des Merkers zu erreichen: ein wenig kläglich, aber doch so, dass die Töne gut zu hören sind in einem großen Opernhaus. In Bonn bringt Beckmesser die Harfe...

Plädoyer für eine ästhetische Kontinuität

Es ist nur eine winzige Unachtsamkeit, scheint aber im Fall von Kurt Weill nachgerade symbolischen Charakter zu besitzen: Sein Grabstein auf dem konfessionsneutralen Friedhof Mount Repose in Rockland County, Bundesstaat New York, ziert der Choral «Bird of Passage» aus Weills letztem Bühnenwerk «Lost in the Stars» von 1949, doch eben da entdeckt man den (kaum...