Tragisches Format
Stefano Poda ist – wie sein italienischer Landsmann Romeo Castellucci oder wie Achim Freyer – Regisseur, Bühnenbildner, Choreograf, Kostüm- und Lichtgestalter in Personalunion. Seine Inszenierungen zeichnen sich durch eine strenge, genau kalkulierte Formensprache aus. Man könnte auch sagen: Er unterwirft die Werke, die er sich vornimmt, seiner eigenen Ästhetik.
So gibt es in Podas Turiner «Turandot» keinerlei China-Folklore – die Handlung spielt in einem leeren weißen Raum, die Einwohner von Peking, das Volk, auch die Vertreter der Herrschenden, tragen weiße Kleidung, selbst die Körper der Tänzerinnen sind weiß bemalt. Nur Calaf und sein Vater tragen schwarz. Im letzten Akt kehrt sich die Farbsymbolik um. Ein traumhaftes Spiel vollzieht sich so, eine Abfolge ritualisierter Aktionen.
Poda zieht sein visuelles Konzept mit bewundernswerter Konsequenz durch. Doch in dramaturgischer Hinsicht kann die Interpretation nicht durchweg überzeugen, für den Zuschauer ist sie nur bedingt nachzuvollziehen. Zum Beispiel fügt Poda den im Libretto genannten Rätseln der Turandot (die Calaf, auf einer Chaiselongue kauernd, lässig beantwortet) zahlreiche neue hinzu. Vor allem die Grundidee, die ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Ekkehard Pluta
Virtuelle Realität suggeriere «maximale Einfühlung durch maximale Abschottung», war unlängst über ein neues Geschäftsmodell des Silicon Valley zu lesen. Dirk Schmedings Inszenierung von Strawinskys früher Kurzoper «Die Nachtigall» (Soloviej) kommt stellenweise wie eine Umsetzung dieser Einsicht daher. Da ist die künstliche Nachtigall, die in Stepan Mitussows...
Herr Baumgarten, inszenieren Sie anders, seit Sie Professor sind?
Ja. Der intuitive Bereich, in dem man sich beim Inszenieren bewegt, wird einer rationalen Überprüfung unterzogen. Es ist so, als ob man über das Gehen noch mal nachdenkt. Dazu kommt, dass man durch die Studierenden permanent mit neuen Ideen, Texten und Konzepten konfrontiert wird, die in meiner...
Religion, so hat es der große, anlässlich seines 250. Geburtstags soeben wiederentdeckte Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher in den legendären «Reden» von anno 1799 formuliert, sei weder Moral noch Lehre, sondern «Gefühl und Anschauung» sowie «Sinn und Geschmack fürs Unendliche», ein «heiliger Instinkt», mit einem Wort: die «zarteste Blume der...
