Tonstörung
Das Bild besaß Symbolcharakter: Während der Ouvertüre zu Richard Wagners romantischer Oper «Lohengrin», die im Graben des Hessischen Staatstheaters bei der (szenisch leider völlig missglückten) Premiere ohnehin eher nach Verkrampfung als nach Verklärung klang, klemmte es irgendwo in der Soffitte und blieb das riesige schwarze Stofftuch zwischen Himmel und Erde hängen. Während die Protagonisten die Bühne betraten und mit Charme über die missliche Situation hinwegzuklettern versuchten, mussten Techniker des Hauses das Ungetüm per Hand zur Seite räumen.
Und als später, im zweiten Akt, der Darsteller des Grafen Friedrich von Telramund, kaum hatte seine böse Gefährtin Ortrud der naiven Elsa ihr Gift in die Seele geschüttet, den Satz «So zieht das Unheil in dieses Haus» in den Saal flüsterte, konnte man nicht mehr umhin, im Stillen zu denken: «Wohl wahr!»
Um es salopp zu sagen: Die Hütte brennt in Wiesbaden. Und dies nicht erst seit September. Der Konflikt zwischen der Intendanz und den künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der einen und dem Geschäftsführenden Direktor auf der anderen Seite schwelte bereits eine halbe Ewigkeit. Mitte September kam es dann zum offenen ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Jürgen Otten
Schon 1841 hat ein Zeitgenosse, der Theatermann Carlo Ritorni, Klage darüber geführt, dass sich alle italienischen Opern wie Zwillinge gleichen: «Wenn man eine gesehen hat, kennt man alle.» Saverio Mercadantes im Jahr danach in Neapel uraufgeführtes romantisches Melodramma «Il proscritto» («Der Geächtete») macht da keine Ausnahme. In Salvadore Cammaranos Libretto,...
Salome, schönste Blume des Morgenlands? Nein, falsches Stück, falsches Genre. «Die alte Hur’ is net umzubringen», soll Robert Stolz über seinen (nach der Prinzessin benannten) «orientalischen Foxtrott» gesagt haben. In der Volksoper Wien aber steht nicht etwa irgendeine Stolz’sche «Salome»-Revue auf dem Programm, sondern Strauss’ seinerzeit skandalös-monströser...
Die Freundschaft von David und Jonathan, dem Sohn König Sauls, besitzt nicht erst in Charpentiers biblischer Oper aus dem Jahr 1688, sondern schon im Alten Testament einen erotischen Unterton. Der Regisseur Marshall Pynkoski beließ es im November 2022 in der Chapelle Royale von Versailles nicht bei der Andeutung, sondern zeigte das Coming-out der Männerliebe in...
