Das kleine Glück, so fern, so nah
Der Weltgeist thront zu Pferde. Nun ja, nicht ganz, denn das arme Tier entpuppt sich bei genauerem Hinsehen erstens als Maulesel und hat zweitens nur zwei Beine (sie gehören einem bärenstarken Statisten, der sich unter dem Leinenfell verbirgt); auch der General ist nur eine blondgescheitelte Kopie Napoleons ohne dessen majestätische Kopfbedeckung. Aber das macht nichts, schließlich ist, zumindest an diesem Abend, Karneval in Florenz – somit allen (fast) alles erlaubt und dem Erfindungsreichtum jedweder Couleur keine Grenze gesetzt.
Für eine Kostümbildnerin ein nachgerade paradiesischer Zustand. Silke Willrett nutzt die sich ihr bietende Chance und schenkt den leicht derangierten Mitgliedern des Buoso-Clans an der Wiener Staatsoper die schönsten (Schein-)Identitäten. Gherardo beispielsweise, Buosos bigotter Neffe (Andrea Giovanni), gibt den erwartbaren devoten Pfaffen, seine hübsche, aber recht neurotische Gattin Nella die ebenso erwartbare, aber so gar nicht heilige, sondern eher zu häuslicher Gewalt neigende Jungfrau Maria. Zita, Cousine des Verstorbenen, der sich vor Beginn des Stücks (vermutlich) zu Tode gesoffen hat, während er Zeitung lesend am Küchentisch hockte und ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Schwüles Gedünst? Es ist eher ein Hauch von Grünem Hügel, der am Theatervorplatz nahe dem Tinguely-Brunnen in der Luft liegt. Originale Nürnberger Rostbratwürste und echtes Bayreuther Bier werden da in den Pausen feilgeboten – zu Preisen, die sich von denen der Pausengastronomie der Richard-Wagner-Festspiele nicht besonders unterscheiden. Für den Besucher...
Gott ist allgegenwärtig. Und allmächtig. Egal, wohin man blickt in dieser «romantischen» Oper, in welche Gegend, in welchen Winkel, in welches Gesicht, seine Strahlkraft scheint unantastbar, unermesslich groß. Geht es vor Gericht oder um höhere Gerechtigkeit, wird allein er angerufen, fleht einer der Anwesenden um Gnade, richtet sich seine Hoffnung auf ihn, und...
Es ist ein interessantes Experiment, das jüngst an der Opéra de Rouen Normandie angestellt wurde. In Zusammenarbeit mit dem Palazzetto Bru Zane, dem in Venedig beheimateten Zentrum für französische Musik der Romantik, brachte das Haus nach der Urfassung von Offenbachs «La Vie Parisiènne» im Jahr 2021 nun die Ur-«Carmen» heraus. Nicht in musikalischer Hinsicht:...
