Tanz der sieben Buchstaben
Für seine Vertonung des Schauspiels von Oscar Wilde verzichtet Gerald Barry auf einen Höhepunkt des vom Plot aus dem Markus-Evangelium zur Sexphantasie für Oper, Literatur und Film gewordenen Narrativs über Salome. In der Textbuch-Einrichtung des irischen Komponisten singen alle Figuren in englischer Übersetzung, nur der am Ende geköpfte Prophet tut es in Wildes originalem Französisch. In der Magdeburger Uraufführung wandert am Ende sogar ein ganzer Haufen abgeschlagener Prophetenhäupter von Hand zu Hand, sämtlich mit gelben Gesichtern und Frisuren wie frische Endivien.
Doch Salome tanzt nicht. Sie tippt Texte des sie bedrängenden Königs auf einer Schreibmaschine. Bei Barry bleiben mit Ausnahme der Titelfigur alle Protagonisten namenlos. Verweise auf die ganz anders geartete «Salome» von Strauss sind nur ein PR-Gag. Intendant Julien Chavaz sicherte die Uraufführung für Magdeburg, nachdem der 2021 mit Equilibrium Young Artists und Barbara Hannigan vorgesehene Termin wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte. Er verpflichtete auch die schon damals für die Titelpartie vorgesehene Sopranistin Alison Scherzer. Diese bietet eine suggestive Mischung: brillant, gewitzt und sogar ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Roland H. Dippel
Im Wort «Schuldigkeit» schwingt Verpflichtung mit, und auch ein «Wehe!»: Im Fall der Nichtbefolgung des ersten Gebots, der für die Menschheit obligaten Gottesliebe, droht ewige Verdammnis. Die dafür benützten Bilder scheinen kulturhistorisch noch aus jenen Zeiten zu stammen, da die Erde als Scheibe galt. In ihnen wurde die Frohbotschaft der Evangelien oft zur...
Im Kopf des jungen Mannes herrscht ein Riesen-Durcheinander. Seine gesamte Identität schwankt bedenklich, das Dasein erscheint ihm wie ein einziges Paradoxon. Auf der einen Seite fühlt sich Lisandro Vega, den sie alle nur Eisejuaz nennen, verbunden mit jenem indigenen Stamm aus dem Norden Argentiniens, als dessen Mitglied er aufgewachsen ist, auf der anderen prägt...
Der epochale französische Pianist Alfred Cortot fügte in seiner «Studien-Ausgabe» der Chopin-Préludes allen 24 Stücken poetisierend charakteristische Deutungen bei. Er tat dies aus dem Geiste der «schwarzen» Romantik: exaltiert, depressiv, apokalyptisch – abgründig angesiedelt zwischen Berlioz und Baudelaire. So heißt es etwa über das «Regentropfen»-Prélude: «Aber...
