Suggestive Distanz

Martin: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke
Chur | Theater

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Eine Frau im Brautkleid, gefangen in Erinnerungen, halb träumend, halb delirierend, tigert durch die große Halle ihres verlassenen, kalten, dunklen Schlosses. Stummfilm-Ästhetik. Waffen und Fahnen an den hohen Mauern, ein Kamin, dessen Größe wetteifert mit der Kälte, die er ausstrahlt. Die Frau ist keine Lucia, auch keine Mélisande, überhaupt alles andere als eine Opernfigur.

Gespielt wird Frank Martins «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke», ein balladenhafter Liederzyklus für tiefe Frauenstimme und Kammerorchester, der im Auftrag des Schweizer Mäzens Paul Sacher entstand und 1945 in Basel uraufgeführt wurde.

Martin hat Rilkes berühmte, in einer Nacht zu Papier gebrachte melancholische Erzählung über den Verlust von Heimat, Liebe und Vertrautheit eines Soldaten in der Fremde explizit einer Frauenstimme zugedacht – und damit die männliche Perspektive gebrochen, Rilkes Text über den historischen Fahnenträger, der in den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts einen sinnlosen Heldentod starb, in die Erinnerungen, Projektionen und Fantasien einer weiblichen Seele, einer Geliebten oder Mutter, transferiert.

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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Reinmar Wagner

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