«Still! Wir wollen in eine Seele schauen!»
Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe So müd geworden, dass er nicht mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe Und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Nur manchmal schiebt der Vorgang der Pupille Sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, geht durch die Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.
(Rainer Maria Rilke: «Der Panther»)
Ach, wie wäre das schön, gäbe es diese Zeilen: «In der Oper gewesen. Geweint!» Allein, es gibt sie nicht. Das Original klingt etwas anders, es ist hinreichend zitiert. Und beschreibt eine Neigung, die Franz Kafka lange Jahre pflegte. Es war das Kino, das imstande war, ihn, und sei es nur für einige Weltsekunden, zu verzaubern. Nicht die Oper. Und nicht einmal das Theater. Dabei hätte Kafka in Prag genügend Gelegenheiten gehabt, Aufführungen zu besuchen.
Angeboten wurden sie – nicht unbedingt in Hülle und Fülle, aber immerhin in so ausreichender Zahl, dass der Sohn der Stadt sich von den Klängen zumal der Bühnenwerke hätte inspirieren lassen können; am 3. Juli 1883, seinem Geburtstag (es war ein Dienstag), beispielsweise gab es, streng nach Sprache, Neigung und (kultureller) Mentalität getrennt, Vorstellungen von Victorien Sardous Schauspiel «Fedora» (auf Tschechisch) und von Nestroys Posse mit Musik «Einen Jux will er sich machen» (auf Deutsch), und in Wandas Singspiel-Halle hätte Kafka «die fesche Wienerin» Mirzl Lehner erleben können.
Auch in den Folgejahren – die Zahl der tschechischen Einwohner Prags stieg kontinuierlich an, was hier und da zu einigen Spannungen führte – ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: 100. Todestag Franz Kafka, Seite 146
von Jan Verheyen
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