Sonderfall
Als sich die antiken Götter und Gestalten zur Ruhe setzten oder, wie man es von prominenten Fußballern kennt, nur noch für eine kabarettistische Spätkarriere taugten, als auch Germanen und romantische Märchenfiguren ihren dramaturgischen Lebensgeist ausgehaucht hatten, da leitete das Bürgertum abermals eine neue Opern-Ära ein. Es genügte nicht mehr, für das Publikum der Stadttheater zu schreiben, jetzt mussten die Bourgeoisie selbst und die zivile Halbwelt ins Rampenlicht gerückt werden.
Paul Hindemith lieferte einige Beiträge zu dieser kleinen Revolution; der wichtigste ist seine 1929 uraufgeführte lustige Oper «Neues vom Tage». Sie steht also zeitlich zwischen Strauss’ «Intermezzo» und Bergs «Lulu», und zwar durchaus gleichberechtigt. «Neues vom Tage» behauptet sich aber auch souverän neben dem zuvor entstandenen «Cardillac»; der stilistische Reichtum ist phänomenal, reicht vom Kantatenhaften und einer Tripelfuge für drei Pianisten bis zu Koloraturarien, spätromantischem Klangzauber und pathetischen Kantilenen à la Lehár. Natürlich fehlen auch die Rhythmen des Jazz nicht. Hindemiths unschwer zu identifizierende melodische Gestaltungskraft durchdringt alle drei Akte, die vokalen ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Volker Tarnow
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