Sonderfall
Als sich die antiken Götter und Gestalten zur Ruhe setzten oder, wie man es von prominenten Fußballern kennt, nur noch für eine kabarettistische Spätkarriere taugten, als auch Germanen und romantische Märchenfiguren ihren dramaturgischen Lebensgeist ausgehaucht hatten, da leitete das Bürgertum abermals eine neue Opern-Ära ein. Es genügte nicht mehr, für das Publikum der Stadttheater zu schreiben, jetzt mussten die Bourgeoisie selbst und die zivile Halbwelt ins Rampenlicht gerückt werden.
Paul Hindemith lieferte einige Beiträge zu dieser kleinen Revolution; der wichtigste ist seine 1929 uraufgeführte lustige Oper «Neues vom Tage». Sie steht also zeitlich zwischen Strauss’ «Intermezzo» und Bergs «Lulu», und zwar durchaus gleichberechtigt. «Neues vom Tage» behauptet sich aber auch souverän neben dem zuvor entstandenen «Cardillac»; der stilistische Reichtum ist phänomenal, reicht vom Kantatenhaften und einer Tripelfuge für drei Pianisten bis zu Koloraturarien, spätromantischem Klangzauber und pathetischen Kantilenen à la Lehár. Natürlich fehlen auch die Rhythmen des Jazz nicht. Hindemiths unschwer zu identifizierende melodische Gestaltungskraft durchdringt alle drei Akte, die vokalen ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Volker Tarnow
Man könnte denken, diese Oper sei soeben erst in Moskau geschrieben und ins Deutsche übersetzt worden, um den in Russland stark verbreiteten Denunziationen zu entgehen. Denn der in Einsamkeit regierende Herrscher, der sich in Viktor Ullmanns «Kaiser von Atlantis» für eine Weile «zum besseren Regieren» zurückgezogen hat, das ist im Grunde Russland. Und der «Krieg...
Lieber Herr de Mallet Burgess – Cincinnati, Westaustralien, Neuseeland, nun Helsinki: Ihr Weg als Opernmanager liest sich sehr ungewöhnlich.
Stimmt, und er hat schon ungewöhnlich angefangen: Nach dem Studium in Oxford wollte ich Regie lernen, besonders in England bestand damals aber kaum die Möglichkeiten dazu. Also befolgte ich einen Ratschlag von Peter Brooks:...
Die Artikulation funktioniert anfangs nicht. Noch sind es nur Vokalisen in hoher Lage – wie es eben so klingt, wenn man Jahrhunderte lang in einem arktischen Eisblock eingefroren war. Und auch später, mit wiedergewonnener Sprache, wird sich Ice, so nennt sich die aufgetaute Frau, meist oberhalb des Notensystems bewegen. Es ist ein Fang der geheimnisvollen Art, den...
