Sirenengesang
Solche Abende gibt es. Selten. Aber es gibt sie. Man sitzt an einem heißen Frühsommertag in einem Opernhaus oder, wie im vorliegenden Fall, in einem ehemaligen Straßenbahn-Betriebshof, blickt gespannt auf die Bühne – und wird dann buchstäblich übermannt. Eine Stimme erklingt, und im gleichen Moment hat man sowohl die aberwitzigen Temperaturen als auch alle Sorgen mit einem Ton vergessen. Dieser Stimme gelingt etwas, das nicht jeder Stimme gelingt. Sie berührt einen im Tiefsten seiner Seele. Sie bringt die Welt zum Stillstand.
So geschehen Anfang Juni, im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Oper Frankfurt. Gegeben wird Aribert Reimanns «Melusine». Und hat man schon nach wenigen Tönen erkannt, dass eine junge Sängerin in der Titelrolle erscheint, deren Koloratursopran außerordentliche Qualität(en) besitzt, so ist es spätestens in der ersten Szene des zweiten Akts um den Zuhörer geschehen. Anna Nekhames singt dieses Solo, in dem Melusine die Trauerweiden, den Klee und sogar den Salbei auffordert zu weinen, dem forellenartig sprudelnden Bach prophezeit, man werde seine Stimme ersticken, dem Himmel, dass seine Dämmerungen entfärbt würden, und schließlich der Erde zuflüstert, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 58
von Jürgen Otten
Für eine Gesamtaufnahme von Modest Mussorgskis «Boris Godunow» suchte Walter Legge, der umtriebige, einflussreiche Produzent der EMI, im Jahr 1952 einen Tenor für die Partie des Grigori, der nicht nur sehr gut singen, sondern auch perfekt Russisch sprechen sollte. Seine Wahl fiel auf den jungen Nicolai Gedda, der gerade als Chapelou in Adams «Postillon von...
Herr Homoki, Sie waren jetzt 13 Jahre Intendant am Opernhaus Zürich. Träumen Sie schon auf Schwyzerdütsch?
Dafür reichen 13 Jahre leider nicht aus, obwohl wir kurz vor unserer Einbürgerung stehen. Wir fühlten uns hier von Anfang an sehr wohl. Meine Frau und ich schwimmen bis in den Frühherbst fast täglich im Zürichsee, und die Menschen haben eine besondere...
Kurzfristig sprang Véronique Gens in Axel Ranischs Inszenierung von Prokofjews «Spieler» in Stuttgart ein und bestimmte gleich das Bühnengeschehen. «Sie singt und spielt mit einer sensationell vornehmen Präsenz und Haltung», schrieb unser Kritiker Götz Thieme. «Sie muss nur, gewandet in einen Pelz-Satin-Traum in Orange, die Beine übereinanderschlagen, unter ihrem...
