Sirenengesang
Solche Abende gibt es. Selten. Aber es gibt sie. Man sitzt an einem heißen Frühsommertag in einem Opernhaus oder, wie im vorliegenden Fall, in einem ehemaligen Straßenbahn-Betriebshof, blickt gespannt auf die Bühne – und wird dann buchstäblich übermannt. Eine Stimme erklingt, und im gleichen Moment hat man sowohl die aberwitzigen Temperaturen als auch alle Sorgen mit einem Ton vergessen. Dieser Stimme gelingt etwas, das nicht jeder Stimme gelingt. Sie berührt einen im Tiefsten seiner Seele. Sie bringt die Welt zum Stillstand.
So geschehen Anfang Juni, im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Oper Frankfurt. Gegeben wird Aribert Reimanns «Melusine». Und hat man schon nach wenigen Tönen erkannt, dass eine junge Sängerin in der Titelrolle erscheint, deren Koloratursopran außerordentliche Qualität(en) besitzt, so ist es spätestens in der ersten Szene des zweiten Akts um den Zuhörer geschehen. Anna Nekhames singt dieses Solo, in dem Melusine die Trauerweiden, den Klee und sogar den Salbei auffordert zu weinen, dem forellenartig sprudelnden Bach prophezeit, man werde seine Stimme ersticken, dem Himmel, dass seine Dämmerungen entfärbt würden, und schließlich der Erde zuflüstert, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 58
von Jürgen Otten
66. JAHRGANG, JAHRBUCH 2025
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin GmbH
ISSN 0030-3690
REDAKTION OPERNWELT
Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße 24, 10785 Berlin Tel.: +49(0)30/25 44 95-55 | Fax: -12 redaktion@opernwelt.de www.opernwelt.de
REDAKTION
Jürgen Otten (V. i. S. d. P.), Clemens Haustein
REDAKTIONSBÜRO
Irene Naujoks | redaktion@opern...
Man kommt schwer an ihm vorbei – selbst wenn man es will. Die Popularität von Johann Strauß (Sohn) ist auch 200 Jahre nach seiner Geburt gewaltig. Den so einfachen, aufsteigenden, in breitem Rubato zu spielenden D-Dur-Dreiklang seines berühmtesten Walzers «An der schönen blauen Donau» kennen vermutlich auch jene, die ihn nicht direkt einem Komponisten zuordnen...
Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen
enden. Du Zeit, die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.
Gefühle zu wem? O du der Gefühle
Wandlung in was? –:
in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser,
das, uns übersteigend, hinausdrängt, –
heiliger Abschied:
da uns das...
