Sie war einfach unverwechselbar
Diva, Mythos, Skandalfigur oder vielleicht doch ein Opfer der Umstände? Wer sich mit Maria Callas beschäftigt, kann sich aussuchen, welchen Zugang er sich in der inzwischen schon kaum mehr übersehbaren Literatur wählt. Eva Gesine Baur, ihre letzte deutsche Biografin (siehe OW 8/2023), hielt es mit dem voyeuristischen Blick durchs Schlüsselloch und kehrte einmal mehr allen sensationslüsternen Klatsch und Tratsch der Boulevardpresse samt den Spekulationen und Erfindungen derer, die sie gekannt oder mit ihr gearbeitet haben, zur Endlosschleife eines Trivialromans zusammen.
Erfreulich anders verhält sich der Kölner Musikwissenschaftler Arnold Jacobshagen in seinem zum 100. Geburtstag der «absoluten Primadonna in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts» erschienenen Buch. Anders als viele der zahllosen Vorgänger gibt er sich nicht mit dem Nacherzählen unplausibler Dokumente zufrieden, sondern wirft einen kritischen Blick auf die Quellen. Insbesondere verweigert er sich dabei dem «simplen Trick», Maria Callas «in zwei rivalisierende Teilpersönlichkeiten», die machtvolle Sängerin und die Frau mit einem «kleinbürgerlichen Wertesystem», zu zerlegen. «Zu stolz, aber auch zu zerbrechlich» sei sie, schreibt sie 1969 an ihre Lehrerin Elvira de Hidalgo – aber das meint einen ganz anderen Riss. Wir lernen zwar keine gänzlich neue Maria Callas kennen, aber ihr Leben, ihre Kunst sowie deren Voraussetzungen werden in Jacobshagens klarer, sachlicher, souverän die oft widersprüchlichen Dokumente benutzender Darstellung deutlicher als sonst.
Vor allem räumt sein Buch, in dessen Zentrum die künstlerische Entwicklung und weniger das private Leben der Künstlerin, mehr ihre Stärken und weniger ihre menschlichen Schwächen stehen, mit einigen zentralen Legenden auf. Maria Callas war weder das Opfer ihrer Herkunft – die Erinnerungen ihrer Mutter Evangelia und ihrer älteren Schwester Jackie darf man getrost vergessen! – noch ihrer Männerbeziehungen. Im Gegenteil, sie war ungewöhnlich intelligent; ihre Briefe und viele Interviews bezeugen es nachdrücklich.
Die besessene Perfektion des «Alles oder nichts», das sie 1957 in ihrer autobiografischen Skizze formuliert, war früh ihre Devise, nachdem sie sich einmal entschlossen hatte, Sängerin zu werden. Sie besaß auch keinen Minderwertigkeitskomplex, was nicht zuletzt ihre Liaison mit dem 28 Jahre älteren Meneghini beweist, mit dem sie – Jacobshagen lässt kaum einen Zweifel daran – «zwölf Jahre lang […] eine glückliche und stabile Liebesbeziehung» führte. Und erst recht war sie kein Opfer des Chauvis Onassis, dessen Bedeutung Jacobshagen «eklatant überbewertet» sieht. Die ersten Anzeichen ihres stimmlichen Niedergangs, ihrer künstlerischen Krise setzten lange vor dieser gleichermaßen glamourösen wie desaströsen «Fernbeziehung» ein. Seit 1957 trat sie Jahr für Jahr seltener auf, bis sie sich 1965 endgültig von der Bühne verabschiedete. Für Jacobshagen sind es eher die Folgen ihres rastlosen Arbeitspensums und eines Lebens «auf der Rasierklinge» (Ingeborg Bachmann), das selbst eine Ausnahmestimme wie die ihre überforderte und zu nicht mehr überhörbaren Verschleißerscheinungen führte. Mediziner vermuten heute als mögliche Ursache dieses Niedergangs eine schleichende Autoimmunerkrankung des Binde -gewebes. Legende schließlich scheint auch die viel -kolportierte Rivalität mit ihrer Konkurrentin Renata Tebaldi zu sein.
«Ihre Stimme», so lautet Jacobshagens Fazit, «wird überleben, weil sie unverwechselbar ist». Von dieser Unverwechselbarkeit ist in dem ihrer «Kunst» gewidmeten Kapitel allerdings leider allzu selten die Rede. Es behandelt die stimmphysiologischen wie interpretatorischen Grundlagen ihres Gesangs und skizziert die Arbeit einer Opernaufführung, in die Callas sich stets als Teamplayerin einfügte. Das ist nützlich, reicht aber im Fall des imaginären Theaters von Maria Callas, wie es uns die technologisch reproduzierte Präsenz ihrer Stimme in einer überwältigenden Fülle zur Verfügung stellt, nicht aus. Gewiss, im biografischen Hauptteil, der die privaten wie die künstlerischen Stationen absolut gleichwertig behandelt, geht Jacobshagen immer wieder auf Callas’ Gesangs- wie Darstellungskunst, ihre Bühnenauftritte wie Studioaufnahmen ein. Aber was der durch sie bewirkte «Belcanto-Turn», der Paradigmenwechsel in der Gesangsästhetik, nämlich die Wiedergeburt der Oper aus dem Geist der Tragödien bedeutet, sucht man vergebens. Ausführungen etwa am Beispiel ihrer zentralen Partien (Medea, Norma, Lucia, Violetta und Tosca) hätten sich angeboten.
So sieht sich der Leser dieser insgesamt über weite Strecken überzeugenden und lesenswerten Biografie weiterhin auf Jürgen Kestings inzwischen in zehnter Auflage vorliegende Callas-Monografie verwiesen. Kesting stellt Callas nicht nur in einen größeren soziokulturellen Rahmen, sondern analysiert auf exemplarische Weise, was ihr Singen als Darstellung einer dramatischen Expressivität ist und vermag. Wer darüber hinaus ihre Karriere Aufnahme für Aufnahme verfolgen und vergleichen will, sollte weiterhin zu John Ardoins Buch «The Callas Legacy» greifen.
Diva, Mythos, Skandalfigur oder vielleicht doch ein Opfer der Umstände? Wer sich mit Maria Callas beschäftigt, kann sich aussuchen, welchen Zugang er sich in der inzwischen schon kaum mehr übersehbaren Literatur wählt. Eva Gesine Baur, ihre letzte deutsche Biografin (siehe OW 8/2023), hielt es mit dem voyeuristischen Blick durchs Schlüsselloch und kehrte einmal mehr allen sensationslüsternen Klatsch und Tratsch der Boulevardpresse samt den Spekulationen und Erfindungen derer, die sie gekannt oder mit ihr gearbeitet haben, zur Endlosschleife eines Trivialromans zusammen.
ARNOLD JACOBSHAGEN: MARIA CALLAS Kunst und Mythos
Reclam, Ditzingen 2023 367 Seiten; 25,00 Euro
Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 33
von Uwe Schweikert
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