Seid umschlungen, Millionen

Salzburgs neuer Festspielintendant Alexander Pereira setzt auf Exzellenz, Exklusivität und Expansion. Er spielt mehr als seine Vorgänger, verfügt über einen aufgestockten Etat und zählt zudem auf private Geldgeber. Das Ergebnis ist weder ein in sich geschlossener Spielplan noch gedanklich bezwingende Dramaturgie, sondern Kost für alle. «La Bohème» und «Carmen» für die einen, «Salzburg Contemporary» für die anderen. Dazwischen Raritäten wie Peter von Winters «Labyrinth», das die «Zauber­flöte» fortsetzt, oder die Erstfassung von Strauss/Hofmannsthals «Aridane auf Naxos», die vor hundert Jahren uraufgeführt wurde. Klotzen statt kleckern also. Kunst und Kommerz in beharrlich animierter Zweisamkeit. Ein Weg in die Zukunft? Es steckt viel Zürich in diesem Salzburg, nicht nur weil Pereira reichlich Personal aus der Schweiz mitgebracht hat. Die Sponsoren werden umarmt, wo es nur geht. Immerhin: Für die nächsten Sommer sind Opern-Uraufführungen ankündigt von Kurtág, Dalbavie, Adès und Widmann. Und bei den diesjährigen Festspielen folgen noch Zimmermanns «Soldaten».

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Alte Dirigenten interessieren sich selten für die «Zauberflöte». Hans Knappertsbusch sprach es offen aus: Jedes Mal wenn er in Fahrt komme, müsse er wieder aufhören – wegen der endlosen Dialoge. So denken viele. Dann doch lieber den «Don Giovanni» mit seinem symphonischen Furor. Weil die «Zauberflöte» ein Singspiel ist, lässt sich bei ihr nur schwer herstellen, was für erfahrene Musiker oft zur Hauptsache wird: tönende Architektur, klingender Zusammenhang.

Nikolaus Harnoncourt, Jahrgang 1929, hat jetzt bei den Salzburger Festspielen eine aufregende, gleichwohl viel Geduld einfordernde Version der «Zauberflöte» vorgestellt. Sie ist nicht einfach nur langsam, sondern auf leise Weise radikal. Sie lässt die Musik neu und frei entstehen. Mozarts letzte Oper erscheint nicht als hinlänglich bekanntes Gefüge, das es zu formen gilt. Vielmehr könnte die Musik bei vielen Modulationen und nach (fast) jeder Generalpause auch ganz anders weitergehen, könnte ins Fragmentarische verebben, sich im Suchen verlieren.

Das muss man erst einmal hinbekommen. Ausgerechnet Harnoncourt, der die musikalische Rhetorik des 18. Jahrhunderts erforscht hat wie kaum ein anderer, deutet die «Zauberflöte» aus dem ...

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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

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