Sehen und gesehen werden
Die einen wollen nichts sehen – gründen gar eine ganze Familienkultur darauf. Am deutlichsten wird das im vierten Akt, als Arkel die schöne Mélisande ganz und gar ungroßväterlich auf den Mund küsst, als wollte er ihr die Jugendfrische aus dem Leib saugen: «Hast du Angst vor meinen greisen Lippen?» Da legen die Umstehenden, wie so oft in Stefan Herheims Debussy-Inszenierung, rasch die Hände vor die Augen.
Und die anderen? Die sehen, was sie wollen. So spaziert Yniold mit einem Skizzenblock umher, malt Pelléas mit dem Pinsel in die Luft.
Fantasie ermöglicht ihnen (jedenfalls eine Zeit lang) das Überleben. Auch Mélisande hat entsprechendes Talent, das zeigt sich gleich nach ihrer Ankunft, als sie und Pelléas maritime Gemälde betrachten, sich die «Hoé»-Rufe der Matrosen vorstellen, den aufziehenden Sturm. Die Quellszene: reiches inneres Erleben. Beschreibend schaffen sich die beiden Parallelorte, fliehen, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.
Golaud hat dazu nicht das Zeug. Was Yniold ihm am Schluss des dritten Akts vor leeren Staffeleien über Pelléas und Mélisande mitteilen will, entzieht sich ihm, da hilft kein Nachbohren. Es macht ihn rasend, derart ausgeschlossen zu sein von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Als «Das Schloss Dürande», die letzte Oper Othmar Schoecks, im Frühjahr 1943 in der Berliner Staatsoper aus der Taufe gehoben wurde, kam es zu Aufwallungen. Dass er sich für seine Uraufführung, tatkräftig unterstützt durch den Winterthurer Mäzen Werner Reinhart, mitten im Krieg mit dem ersten Opernhaus im nationalsozialistischen Deutschland zusammengetan und, mehr...
Die Idee, bildende Künstler mit dem «Parsifal» in Verbindung zu bringen, ist so alt wie das Stück selbst. Richard Wagner wünschte sich Arnold Böcklin als Ausstatter der Uraufführung. Böcklin besuchte die Familie Wagner 1880 in Neapel. Eine Zusammenarbeit scheiterte letztlich daran, dass der Maler wenig von einer Verschmelzung der Künste hielt. Viel später hat...
Über Aktualität und Relevanz der Oper wird seit ihren Anfängen gestritten. Und die Rhetorik der Unmöglichkeit, ja vom Tod der Gattung bildet von jeher die Begleitmusik. Besonders an ihrer Inszenierung, am zeitgebunden wechselnden Zusammenspiel von Klang, Körper, Kostüm, Licht und Raum entzünden sich immer wieder heftige Debatten. Doch was heißt es eigentlich, die...
