Sehen und gesehen werden

Stefan Herheim inszeniert bei seinem Glyndebourne-Debüt Debussys «Pelléas et Mélisande» als rätselhaft verspiegelte Künstlerfantasie, Robin Ticciati stiftet lichte Klangpracht

Opernwelt - Logo

Die einen wollen nichts sehen – gründen gar eine ganze Familienkultur darauf. Am deutlichsten wird das im vierten Akt, als Arkel die schöne Mélisande ganz und gar ungroßväterlich auf den Mund küsst, als wollte er ihr die Jugendfrische aus dem Leib saugen: «Hast du Angst vor meinen greisen Lippen?» Da legen die Umstehenden, wie so oft in Stefan Herheims Debussy-Inszenierung, rasch die Hände vor die Augen.

Und die anderen? Die sehen, was sie wollen. So spaziert Yniold mit einem Skizzenblock umher, malt Pelléas mit dem Pinsel in die Luft.

Fantasie ermöglicht ihnen (jedenfalls eine Zeit lang) das Überleben. Auch Mélisande hat entsprechendes Talent, das zeigt sich gleich nach ihrer Ankunft, als sie und Pelléas maritime Gemälde betrachten, sich die «Hoé»-Rufe der Matrosen vorstellen, den aufziehenden Sturm. Die Quellszene: reiches inneres Erleben. Beschreibend schaffen sich die beiden Parallelorte, fliehen, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Golaud hat dazu nicht das Zeug. Was Yniold ihm am Schluss des dritten Akts vor leeren Staffeleien über Pelléas und Mélisande mitteilen will, entzieht sich ihm, da hilft kein Nachbohren. Es macht ihn rasend, derart ausgeschlossen zu sein von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Wiebke Roloff

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sachwalter der Moderne

Vom «Ende einer Ära» ist mehr oder weniger reflexhaft die Rede beim Tod einer epochalen Figur. Doch im Fall nicht weniger Musiker aus der Sowjetunion hat die Formel ihren Sinn. Brachte doch die Oktoberrevolution tatsächlich einen enormen Aufbruch in vielerlei Hinsicht; man denke nur an den Stummfilm, vor allem Eisensteins. Und in der Musik fand eine immer wieder...

Editorial August 2018

Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....

Dass die Welt eine bessere werde

Mit der Uraufführung von Toshio Hosokawas Oper «Erdbeben. Träume» (siehe Seite 18) ist an der Oper Stuttgart nicht nur die Intendanz Jossi Wielers, sondern zugleich die Ära einer künstlerischen Kontinuität zu Ende gegangen – die des Regisseurs Jossi Wieler und des Dramaturgen Sergio Morabito, die das Haus für ein Vierteljahrhundert prägte. 36 gemeinsame...