Seelenzauber
Eigentlich war, sieht man von den Wolken ab, die mürrisch über dem Festspielhaus kreisten und einen missmutigen Blick auf Arno Brekers frisch eingeweihte Wagner-Büste warfen, vieles wie immer an diesem 16. August 1955 in Bayreuth. Auf dem Programm stand Wieland Wagners «Parsifal»-Inszenierung, die ihre Premiere vier Jahre zuvor, bei den ersten Bayreuther Nachkriegs-Festspielen, erlebt und das Publikum in Staunen versetzt hatte.
Eine leere Bühne, ohne jedwede geschichtliche Verortung, damit verbunden ein szenischer Symbolismus, der viele Fragen offenließ («ein gestaltloses, auf individuelle dramaturgische Bezüge verzichtendes Spiel der Schemen und Schatten», wie es in einer Kritik hieß) – das alles sorgte, wiewohl der Regisseur schon 1951 erklärt hatte, er wolle mit seiner Lesart das Museale des Werks aus den Angeln heben und gründlich aufräumen mit jedwedem mythischen Ballast, für veritable Irritationen. Doch einer war da, der ließ das augenblicklich vergessen – ein Bariton von nobler Art: Dietrich Fischer-Dieskau gab sein Debüt als Amfortas.
Bislang war der Live-Mitschnitt dieses Abends nicht verfügbar, er schlummerte in den Rundfunkarchiven. Nun aber gibt es ihn, und man darf ...
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Opernwelt Juli 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 31
von Jürgen Otten
Es ist einer dieser milden Frühlingstage, früher Abend. Im Dreieck zwischen der Avenida Canarias, dem Calvo Sotelo und der Calle Lentini am Rande des Barrio Histórico Triana fließt der Verkehr träge und entspannt dahin. Dominiert wird das Bild von den gelben Bussen, die sich an der Küstenstraße aufreihen und die letzten Strandgäste einsammeln. Vom Atlantik weht...
Erinnern wir uns. Erinnern wir uns an jene fernen Zeiten, da Verträge in der Welt der Musik noch abgeschlossen wurden, weil die Unterzeichnenden damit eine Verpflichtung verbanden, im besten Fall sogar Visionen. Ein Vertrag, das war vor allem ein Bündnis, das man schmiedete, weil man «Großes» vorhatte – gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern im Graben oder...
Den stolzen wie stimmungsvollen Strom der Wolga, an der das fiktive Provinzstädtchen Kalinow liegt und Leoš Janáčeks «Katja Kabanowa» spielt, hat Bühnenbildnerin Barbara Hanicka in weite Ferne gerückt. Der osteuropäische Provenienz garantierende Plattenbau, von dem sie für die Inszenierung ihrer polnischen Landsfrau Barbara Wysocka gleich drei Geschosse ins Große...
