Seelenraumsucherin
Es war eine lange Nacht, damals, vor 14 Jahren. Oder genauer: ein Tag und eine Nacht. Jedenfalls für all diejenigen, die es durchhielten. Schon der Stoff schien ja in seiner polyvalenten Struktur und schier überbordenden Sprachvirtuosität eher dazu geeignet, auszusteigen.
Nur wenige haben David Foster Wallaces Roman «Infinitive Jest», zu Deutsch: «Unendlicher Spaß», wirklich von der ersten bis zur letzten Seite gelesen (was eine der lohnenswertesten semantisch-philosophischen Übungen ist, die man auf dem Gebiet der spätmodernen Literatur absolvieren kann), aber das spielte nun nicht mehr die Hauptrolle. Wichtiger war das Ereignis Theater. Und das war es wirklich, dieser Parforceritt mit dem schönen Titel «24 Stunden durch den utopischen Westen». Realisiert hatte ihn ein pluralistisches Regieteam: die Performance-Kompanien «Gob Squad» und «She She Pop», Anna-Sophie Mahler, Richard Maxwell, Jan Klata – und Anna Viebrock.
Es war nicht ihr erster Ausflug ins Regiefach. Aber einer der aufsehenerregendsten. Einmal des Stoffs wegen, aber auch, weil Viebrock ihr immenses Wissen um die seelische Beschaffenheit von Menschen zur Geltung bringen konnte, die in Phantasiewelten leben, aber ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2026
Rubrik: Magazin, Seite 94
von Jürgen Otten
Charles Silvers Oper «La Belle au bois dormant» war länger im totengleichen Schlaf versunken als Aurore, die Titelheldin des klingenden Opernmärchens. Jetzt hat das unermüdliche Palazzetto Bru Zane, dessen rasante Wiederentdeckung der französischen Musik des langen 19. Jahrhunderts zur diskographischen Erfolgsstory geworden ist, das Dornröschen dieser 1902 in...
Über Leichen wäre sie gegangen, notfalls über vier. Sieglinde, Siegmund, deren irdische Mutter und vielleicht auch Wotan hätte sie gern brennen sehen im Feuer einer Waldhütte: Fricka, Hüterin der Ehe, als Rachegöttin und zündelnde Kumpanin Loges, das ist eine brutale Schlusspointe, dokumentiert als Rückblende-Video, während sich das Orchester der Ziellinie...
Der Prolog zeigt einen brutalen Doppelmord. Durch das Fenster eines Appartements sieht man, wie eine junge Frau und ihr Begleiter von einem Maskierten niedergestochen werden. Drinnen sitzt ein Mann vor dem Fernseher und schaut einen Thriller. Plötzlich schaltet er aus, als könne er das Gezeigte nicht ertragen. Schnell wird klar: Der Mann und der Täter sind eine...
