Séance mit Wagner
Eine Frau nachts im Museum. Sie sitzt unter einem Murillo-Bild mit dem Tod Marias, über dem der Maler auf einer weiteren Leinwand deren Himmelfahrt gestaltet hat. Sie ist versunken in sich, in einem dunklen Mantel überm schlichtgrünen Kleid, krümmt sich auf einem altmodischen Stuhl zusammen, starrt ins Nichts. Wir starren auf sie, hinter einer Absperrung, im Louvre-Saal, der der spanischen Malerei gewidmet ist. Plötzlich hebt sie zu singen an. «In der Kindheit frühen Tagen, hört ich oft von Engeln sagen…» Ein Klavier klingt dazu von irgendwo.
Waltraud Meier, die große Wagner-Heroine, die sich hier ganz menschlich und verletzlich gibt, nimmt – nachdem sie die rote Absperrkordel hat fallen lassen – uns 120 Besucher mit auf eine nur 40-minütige, aber alptraumhaft intensive Reise durch den sonst verwaisten Pariser Bilderpalast an der Seine.
Waltraud Meier singt Wagners Wesendonck-Lieder. Aber natürlich nicht nur das. Sie verleibt sie sich ein, verwandelt sie, erweitert die fünf Stücke, entstanden 1857 im «Tristan»- und «Siegfried»-Umfeld, in hochneurotische Nervenendenmusik, chromatische Sehnsuchtklänge und in das Psychogramm einer Suchenden, sich Verlierenden. Aber sie spielt sie auch, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Manuel Brug
Herr Goerne, Ihr neues Schubert-Album hat den Titel «Nacht und Träume». Wovon träumen Sie?
Ich träume nur sehr selten. Und nie von Musik – weder im Positiven noch als Stresssituation.
Schubert war ja eigentlich ein Tagmensch und hat am liebsten morgens komponiert. Was bedeutet in seinen Liedern die Nacht?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal bezeichnet sie die...
Herr Kränzle, seit Längerem wird eine Krise des Wagner-Gesangs beklagt. Bemängelt wird unter anderem fehlende Textverständlichkeit. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die «Rheingold»-Produktion der Berliner Staatsoper am Schiller Theater, in der Sie den Alberich singen, gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Sie sind einfach gut. Zweitens: Daniel Barenboim sorgt...
Pierre-Alexandre Monsigny (1729-1817) und André-Modeste Grétry (1741-1813) waren maßgeblich an der Verbürgerlichung der französischen opéra comique beteiligt. In seinem wohl populärsten Werk, dem 1769 uraufgeführten «Déserteur», hat Monsigny die Form um Elemente des Rührstücks bereichert, der Dramaturgie wie der Musik gänzlich neue Wege erschlossen und damit das...
