Schwindelerregend

CD des Monats: Sopranist Bruno de Sá brilliert mit «Mille Affetti»

Opernwelt - Logo

Kastraten waren die Gesangsstars der Barockoper. Die mittlerweile kaum noch zu überblickende Fülle an CDs, auf denen Countertenöre Musik von Händel, Vivaldi, Porpora, Hasse und vieler anderer Komponisten zelebrieren, scheint diese Aussage zu bestätigen. Sinnvoll ist es aber nicht, die Ära der Sängerkastraten auf wenige Jahrzehnte vor und um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu beschränken. Prominente Kastraten gab es schon im frühen 17. Jahrhundert, und zu Ende ging die Blütezeit dieser besonderen Sänger erst nach 1800.

Noch für den jungen Mozart war der beinahe alltägliche Umgang mit Kastraten eine Selbstverständlichkeit. Für den Sopranisten Venanzio Rauzzini schuf er mit der Solomotette «Exsultate, jubilate» eines seiner bekanntesten Werke überhaupt. Wohl für dessen Salzburger Kollegen Francesco Ceccarelli entstand eine leicht überarbeitete Fassung, bei der die Oboen durch Flöten ersetzt sind und der Text an einigen Stellen verändert wurde. Für sein zweites Soloalbum hat der brasilianische Sopranist Bruno de Sá diese sogenannte Salzburger Fassung ausgewählt. Das anspruchsvolle Stück ist bei Sopranistinnen, zu deren Kernrepertoire es gehört, ebenso beliebt wie gefürchtet, denn es verlangt ihnen alles ab: kantable Linien, gestochen klare Koloraturen, einen großen Umfang und gestalterische Souveränität. Bruno de Sá verfügt in geradezu verschwenderischer Weise über alle Mittel, diese Musik zum Klingen und zum Sprechen zu bringen. Anders als bei einigen Arien seines Debütalbums «Roma Travestita», in denen er ein üppigeres Vibrato verwendet und sich dem Klang einer Frauenstimme nähert, setzt de Sá hier auf einen eher androgynen Ton, der weder an einen Sängerknaben noch an einen weiblichen Sopran erinnert, sondern eine stimmliche Kategorie sui generis darstellt.

Mozarts Motette und eine Arie aus dessen im Kindesalter komponierter «Grabmusik» erinnern daran, dass die Kastraten in der katholischen Kirchenmusik der Zeit mindestens so präsent waren wie auf der Opernbühne. Bruno de Sá veranschaulicht das stilistische Spektrum dieser Musica sacra, indem er neben die Mozart-Werke Musik italienischer Komponisten stellt, ein wunderbar exaltiertes «Salve Regina» von Niccolò Antonio Zingarelli und eine Arie aus Domenico Cimarosas Requiem, die mit einem langgehaltenen hohen B beginnt – bei de Sá ein klingender Lichtstrahl von höchster Intensität.

Auch im klassischen Zeitalter war die ernste Oper die Hauptdomäne der Kastraten. Mit einer Arie aus Luigi Cherubinis frühem Melodramma «Mesenzio, re d’Etruria» gibt de Sá auf dem Album seinen Einstieg, der gleich in schwindelerregende Höhen und wechselnde Erregungszustände führt. Der Sänger gibt sich ihnen furchtlos hin und wagt sich auch an seine stimmlich-expressiven Grenzen, ohne sie aber je zu überschreiten. Mozart ist mit einem Ausschnitt aus «Mitridate, re di Ponto» auch als Opernkomponist vertreten; daneben finden sich überaus hörenswerte Raritäten wie eine Szene aus Johann Friedrich Reichardts «Andromeda» und eine Arie aus dem 1780 in Genua aufgeführten Pasticcio «Alessandro nell’Indie», das im Booklet versehentlich ganz dem Komponisten Felice Alessandri zugeschrieben wird, dessen Musik aber laut zeitgenössischem Libretto «von verschiedenen berühmten Meistern» stammt.

Dass Kastraten auch in der Opera buffa auftraten, ist kaum bekannt. Bruno de Sá stellt zwei Stücke vor, deren gesangliche Raffinesse und Komplexität nicht hinter jenen der ernsten Opern zurückstehen. Die Ausschnitte aus Luigi Carusos «Il fanatico per la musica» und aus «Il turco in Italia» des Dresdner Hofkapellmeisters Franz Seydelmann machen neugierig auf dieses bislang wenig erschlossene Repertoire, für das de Sá auf kongeniale Weise wirbt. Eloquent unterstützt wird der Sänger vom Wrocław Baroque Orchestra, das seine Qualitäten unter der Leitung von Jarosław Thiel auch in einigen Instrumentalsätzen wie Franz Ignaz Becks origineller Ouvertüre zur Opéra comique «L’Isle déserte» deutlich zur Geltung kommen lässt.

BRUNO DE SÁ: MILLE AFFETTI
Bruno de Sá (Sopran); Wrocław Baroque Orchestra, NFM Choir, Jarosław Thiel
Erato 5054197995422 (CD); AD: 2023

VERLOSUNG Am 12. Dezember um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55


Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 25
von Thomas Seedorf

Weitere Beiträge
Gut gebaut

Dem Kurzzeit-Schwiegersohn Ernst Krenek zufolge war sie eigentlich recht einfach zu begreifen: «Ihr Stil war der von Wagners Brünnhilde, transportiert in die Atmosphäre der Fledermaus.» Aber war Alma Mahler-Werfel wirklich eine solche Sphinx, nur ohne Geheimnis? Ihre große Kunst, geliebt zu werden, nicht nur von Gustav Mahler, Walter Gropius, Oskar Kokoschka und Franz Werfel, sondern...

Ringen und Singen

Von den alten Griechen ist der Mythos überliefert, dass Schwäne im Angesicht des Todes besonders schön singen. Daher rührt der Begriff «Schwanengesang». Seitdem die English National Opera vor dem Abgrund steht, singt und spielt sie, als beflügle die Not des Hauses ihre Kreativität. In den letzten zwei Jahren hat die ENO eine Reihe von Aufführungen produziert, wie man sie oft vermisst hat....

Flieg, Albatros, flieg!

Das kann nicht wahr sein: Da findet am Landestheater Eisenach eine Opernpremiere statt, und der Zuschauerraum ist nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. 147 Menschen verlieren sich in einem Raum, der 500 Besuchern Platz bieten möchte. Gezeigt wird das Erfolgsstück «Madama Butterfly», es spielt die traditionsreiche Meininger Hofkapelle, allerdings ein wenig minimiert, weil im Eisenacher...