Schuld und Sühne
Orhan Pamuk war nicht da. Dabei hätte er all den nützlichen und weniger nützlichen Nippes, all die Liebesgeschichten, die sich aus den objets trouvés herausschälten, gut gebrauchen können für sein «Museum der Unschuld». Wobei das mit der Unschuld so eine Sache ist. Genau darum nämlich geht es nicht in «All the good» von Jan Lauwers, das dieser mit seiner Needcompany in die Maschinenhalle Zweckel hineinmontierte. Es geht vielmehr um die existenzielle Frage, wie Schuld aus einer privilegierten Perspektive heraus entsteht. Und was die Kunst dazu zu sagen hat: politisch, ästhetisch.
Und irgendwie auch postdramatisch-immersiv.
Lauwers’ Position gibt sich eindeutig zweideutig: «Es ist eine Katastrophe, wenn Politik das Ziel von Kunst wird. Für mich muss Kunst eine dialektische Beziehung zur Kultur, zur Welt haben, in der sie produziert wird.» Kunst, wie es uns Großvater Hegel ins Stammbuch schrieb, als «Darstellung der Welt». Aber mit anderen Mitteln. Diese Kunst schleicht durch die Hintertür des Privaten hinein – als Familiengeschichte, die jedoch mehr ist als ein verschämter Blick in die heimische Kommode.
Zwei Erlebnisse waren prägend für den belgischen Theatermacher. Einmal die ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Die Inszenierung? Nun ja, umstritten war sie. Wild, hemmungslos, chaotisch (OW 11/2018). So, als habe Jan Lauwers sich von Monteverdis frühbarocker Üppigkeit in «L’ incoronazione di Poppea» inspirieren lassen zu einer schwindelerregenden danse erotique, in dem die menschlichen Leidenschaften ganz und gar unplatonisch waberten und alle Vernunft über Bord gekippt...
Da geistert eine Figur durchs Geschehen, die haben sie in den Proben den «Tod» genannt. Später heißt er Hippolyte. Er taucht bald hier auf, bald dort. Verschwindet wieder, ist nicht greifbar. Geheimnisvoll, gespenstisch wird er zur heimlichen Hauptperson, zum Stichwortgeber, zum Drahtzieher. Der Tod, das muss ein Wiener sein? Man spielt den «Rosenkavalier» von...
Alfredo Casella (1883-1947) war ein Hauptvertreter der so genannten «generazione dell’ottanta», die sich radikal von der spätromantischen Wagner-Nachfolge wie vom italienischen Verismo abwandte und die Zukunft der Musik in der Rückbesinnung auf die alten Formen, in einem bewussten Klassizismus sah. Im Musiktheater bedeutete das eine Abkehr von mythologischen und...
