Schöne alte Welt
Seltsam, diese patinierte Eleganz. Diese Zuflucht in ein behaustes «Es war einmal», in eine fragile Idylle, auf die durchaus Schatten fallen, die aber doch glänzt wie das Licht biedermeierlicher Veduten. Das beginnt mit der Aufmachung, dem Weichzeichner-Porträt der Solistin auf dem Cover, Reminiszenz an die Foto-Medaillon-Kultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Setzt sich fort in dem assoziativen Bedeutungshorizont, den der alles umgreifende Signalbegriff, zugleich Titel einer von Brahms inspirierten Miniatur des juvenilen Komponisten, aufruft: «Erinnerung» – Reise in ein verflogenes, verlorenes Gestern, das wohl einmal Heimat war. Und spricht aus beinahe jedem fein gesetzten Ton, jeder kultiviert geformten Legato-Phrase der 19 Lieder, die Christiane Karg für ihre Mahler-Anthologie ausgewählt hat.
Aber lassen sich so die Ambivalenzen und Paradoxien einer Musik vermitteln, die sich – schon in den frühesten Gesängen (1881/82), erst recht in den über eine Spanne von 14 Jahren (bis 1901) entstandenen Adaptionen aus Brentanos und von Arnims Wunderhorn-Kosmos, schließlich in den Rückert-Liedern (1901/02) – tastend, stockend, mitunter sprunghaft auf schmalem Grat bewegt, ohne ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Albrecht Thiemann
Der Wiener Jugendstil, so hat es Nike Wagner einmal poetisch und zutreffend formuliert, sei die «Kunst der Träumerei entzügelter Nerven». Symptomatisch für diese Zeit steht Alexander Zemlinskys Oper «Der Traumgörge» von 1907. Dessen Titelheld ist ein Träumer, der sich in Bücher versenkt und seine lebenslustige Braut Grete lieber dem bodenständigen Hans überlässt....
Das Ensemble der im Verbund geführten Theater von Biel und Solothurn war startklar – da schlugen die neuesten behördlichen Anweisungen zum Umgang mit der Pandemie ein. Den Schließbefehl mochte man nicht einfach so hinnehmen. Wenigstens die Premiere sollte über die Bühne gehen, und so kam «Casanova in der Schweiz» von Paul Burkhard als «Geschlossene Vorstellung»...
Mehr geballte Tradition geht nicht. 29. Januar 1781, 10. Juni 1865, 30. November 1920, 9. Juli 1978: Meilendaten der Münchner Operngeschichte sind das. «Idomeneo», «Tristan und Isolde», «Die Vögel» und «Lear», sie alle wurden hier geboren, um dem Repertoire als Longseller erhalten zu bleiben, und sollen nun noch einmal neu befragt werden. Die letzte Spielzeit von...
