Schmerzhaft schön
Der Applaus vom Band brandet noch vor dem ersten Akkord auf und wiederholt sich, während die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, in einer Endlosschleife. Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung beginnt mit dem Ende der Oper. Der letzte Vorhang ist bereits gefallen. Hinter den Kulissen verharrt die Darstellerin der Tosca im blutbefleckten weißen Kleid neben der Leiche ihres Geliebten. Als die Musik einsetzt, schrickt sie zusammen, als würde ein schmerzhaftes Trauma in ihr wachgerufen.
Unfähig, aus ihrer Rolle auszusteigen, durchlebt Floria Tosca – als stumme Beobachterin – nochmals die Leidensstationen des Dramas. Wie somnambul irrt sie über die von Julia Rösler entworfene Drehbühne, deren mit Versatzstücken römischer Sakralbauten bemalte Kulissen sich kaleidoskop-artig zu einem perspektivisch verschobenen Kirchenraum verschränken. Die Regie folgt dabei ausschließlich ihrer Perspektive.
Es ließe sich trefflich darüber streiten, ob die Idee, die Titelheldin in Darstellerin und Bühnenfigur aufzuspalten, tatsächlich notwendig ist, und ob diese Doppelbödigkeit das Stück inhaltlich eher erhellt oder psychologisch überfrachtet. Doch die grandiose Bildermacht, die Höckmayrs Regie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
58. Jahrgang, Nr 2
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752297
Redaktion Opernwelt
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
redaktion@opernwelt.de
www.opernwelt.de
Redaktion
Jürgen Otten
Albrecht Thiemann (V. i. S. d. P.)
Redaktionsbüro
Andrea Kaiser | redakt...
Musiktheater ist ein feiner Seismograf für die Wandlungen im Umgang mit Emotionen. Wie sehr dies gerade auch für Händels Opern gilt, will dieser anregende Band mit seiner Fokussierung auf weibliche Opernfiguren zeigen, die von damals neuen und deshalb beunruhigenden «vermischten Empfindungen» geprägt sind. Eingelöst wird dieser in Laurenz Lüttekens bündiger...
Der Tod trägt zwei Kreuze. Wie bei Mimì. Jetzt verabschiedet sich auch Cio-Cio-San, ihre Schwester im Geiste, in h-Moll aus dem Diesseits – würdevoll, wie es die Tradition verlangt. Ihr Suizid bedeutet den Umschlag des Tragischen ins Erhabene, den Triumph des individuellen Willens. Wie hat es Kirilow, Dostojewskys Held, postuliert: Im Freitod liegt die einzige...
