Rückkehr ins Leben

Adams: The Gospel According to the Other Mary an der Volksoper Wien

Opernwelt - Logo

Lazarus, come forth!» Kurz zuvor rauschte noch das Tamtam bedrohlich auf als düsteres Todessymbol, nun scheint der Boden zu erzittern: Tremolierende Kontrabässe und gestopfte Hörner lassen einen ungeheuren, gleichwohl noch fernen Wind brausen.

Der Menge steht darob der Mund offen: Der Chor singt ohne Text und dreht die Spannungsschraube noch einmal weiter, wenn die drei hohen Solostimmen Jesu Worte skandieren, dreimal, in süßen Dissonanzen: «Lazarus, come forth!» Und dann? Ein schauderhaftes Greinen und Jaulen in den Streichern setzt ein, Wehlaute durchschneiden den Klangraum, dem Chor stehen gleichsam die Haare zu Berge: «And he that was dead came forth», meldet die Dreieinigkeit aus den drei hohen Stimmen, die als Evangelist zugleich aber als real nicht vorhandener, überpersönlicher Jesus auftritt.

Doch nein, auf der Bühne gibt es dazu weder Hollywood-Bibelkitsch noch Oberammergau-Ergriffenheit, sondern einen großen Container mit verschiebbaren Außenwänden, der zumal in den Zwischenspielen (hübsch anzusehen) auf der Drehbühne zu kreisen beginnt. Lazarus wurde auf einem Tisch zur Ruhe gebettet – und tatsächlich regt sich bald etwas in dem weißen Bündel. Die Umstehenden befreien ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2024
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Walter Weidringer

Weitere Beiträge
Göttliche Gabe, irdische Gewalt

Wenn Frauen Opern über Frauen inszenieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen es ganz anders oder sie erfüllen ihren Dienst am Regietheater noch radikaler als ihre männlichen Kollegen. Lydia Steier gehört zu Letzteren. Schlaflose Nächte habe sie seit der Premiere ihrer Inszenierung von Strauss’ «Salome» im Oktober 2022 an der Opéra Bastille verbracht,...

Vokaler Hochsprung

Christophe Rousset was here!» Nicht, dass dieser Dirigent optisch an die Figur auf dem Kilroy-Graffito erinnern würde – eher lässt er an die Grimm’sche Fabel vom Hasen und dem Igel denken. Denn wer immer in der Landschaft der Alten Musik vermeintliches Niemandsland betritt, mag im Geiste das «Ich bin schon da» des Franzosen hören. Auf seine hochgelobte Aufnahme von...

Sehnen und Wähnen

Im Königsbereich des Liedgesangs, dem Repertoire für Baritonstimme, herrscht kein Nachwuchsmangel. Andrè Schuen, Benjamin Appl, Konstantin Krimmel und Samuel Hasselhorn sind starke Stimmen– und die beiden Etablierten Christian Gerhaher und Matthias Goerne gehören noch lange nicht zum alten Eisen. Samuel Hasselhorn, der nach seinem ersten Preis 2018 beim Concours...