Reichtum des Sinnlichen
Es wird keine Vorgeschichte erzählt. Castor ist tot, und umstandslos beginnt der erste Akt von Rameaus 1737 uraufgeführter dritter Oper mit einem Glanzstück der Partitur: der heroischen Totenklage «Que tout gémisse», deren klassischer Lamento-Bass fanalartig in der Oberstimme einsetzt. Alles ist auf den schärfsten Kontrast gestellt, denn der allegorische Prolog, frei von allen vordergründigen Huldigungsgesten an den Souverän, hatte gerade den Sieg des Friedens über den Krieg gefeiert: Amor versöhnte Mars mit Venus.
«Für uns ist’s die Zeit der Liebe» war sein prophetisches Resümee, denn der polnische Thronfolgekrieg, in den Frankreich verwickelt war, steuerte inzwischen auf eine Lösung zu.
Diesen kühnen dramaturgischen Coup setzte 1754 die zweite Fassung des Werks auf konventionelle Weise außer Kraft, indem sie den Prolog durch einen neuen ersten Akt ersetzte, der die dramatis personae und ihre Ambitionen vorstellte (während in der Urfassung Castor, der tote Held des Beginns, überhaupt erst im vierten Akt erscheint). Rameau setzte der Partitur ein paar spektakuläre Lichter auf und kürzte die wahrlich langen rezitativischen Dialoge der Protagonisten, die den Sängern ein Äußerstes an ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Medien, Seite 39
von Klaus Heinrich Kohrs
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Mag ihre biblische Authentizität auch in Frage stehen: Zum Kanon des Alten Testaments wird Judith allemal gezählt. Sie kann sogar als populärste weibliche Gestalt der Heiligen Schrift gelten. Die Frau, die ihr Volk von den Assyrern befreite, indem sie deren Heerführer Holofernes enthauptete, hat nämlich eine erstaunliche Zweitkarriere in der Kunstgeschichte...
Die Story, 1851 ausgeheckt in der Lustspielschmiede von Eugène Labiche, ist eine rasante Absurdität: ein Bräutigam, dessen Pferd am Tag der Hochzeit den Strohhut einer zufällig gerade fremdgehenden Dame aufgefressen hat, dessen Verschwinden nun ihr Alibi gefährdet (der Gatte ist ein Eifersüchtiger), was den Liebhaber der Dame dazu bringt, den Bräutigam zu...
