Realgroteske
Als Violetta sich am Ende ihrer Vergangenheit erinnert, zieht im hörbaren Hintergrund ein Karnevalszug vorbei: «Addio del passato». Es ist eine treffliche Pointe, dass uns Katharina Gault die im Schlussbild von «La traviata» unsichtbare Spaßgesellschaft vorab in den beiden großen Massenszenen der Oper in farbenprächtiger Deutlichkeit vor Augen führt – als entfesselt agierendes Kollektiv weiß gepuderter, clownesk grell geschminkter, bitterböser Witzfiguren. Die Kostümbildnerin hat sie librettokonform in Roben des 19.
Jahrhunderts gesteckt, der Spiel- wie Entstehungszeit des Stücks: In einem Pariser Privatpuff wird in perfektem Einvernehmen mit Verdis aggressiv akzentuierten Sechzehntel-Ketten kopuliert. Dazu hat die Hauptattraktion des Themenbordells bereits während des Vorspiels ihre Kundschaft animiert, vernehmlich aus der Dusche im Off stöhnend. Jetzt geht’s im großen Stil zur Sache. «Adesso siamo riscaldati», heißt es auf der Party, will sagen: Nun sind wir alle auf Betriebstemperatur.
Doch Violetta Valéry will ausbrechen aus der Prostitution, sucht ein bisschen richtiges Leben im falschen, trifft den Romantiker Alfredo, mit dem sie statt der «pompose feste» in ihrem Palais ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2019
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause
Zuletzt sorgte die Oper Halle vor allem wegen der erbitterten, öffentlich ausgetragenen Kontroverse um die künstlerische Leitung für Furore. Aber auch mit dem Theaterpreis des Bundes, der ausdrücklich die innovative Ausrichtung des Hauses nennt, die sich unter anderem im Konzept einer die Grenze zwischen Zuschauern und Akteuren aufhebenden Raumbühne erkunden lasse....
Vor zwei Jahren schlug Dmitri Tcherniakovs «Carmen»-Inszenierung in Aix-en-Provence hohe Wellen. Der russische Regisseur und Bühnenbildner hatte Bizets Opern-Blockbuster so radikal umgepolt, dass das Stück bei ihm eigentlich «Don José» heißen müsste. Nicht die Titelheldin, sondern ihr oft als Weichei gezeichneter Lover bildete den Mittelpunkt. Die Geschichte...
Es gibt diese Abende, von denen zu erzählen spannender ist als sie selbst. Die neue Münchner «Salome» ist so ein Abend. Im Programmheft steht ein glänzend redigiertes Interview mit dem Regisseur Krzysztof Warlikowski. Überhaupt ist dieses Programmheft – zusammengestellt von den Dramaturgen Miron Hakenbeck und Malte Krasting – ein Muster an Sorgfalt in Text und...
