Rausch der Verwandlung
Luigi Rossis 1647 für den französischen Hof komponierter «Orfeo» bricht alle Rekorde. Allein 23 Solisten listet das Personenverzeichnis auf, und eine Spieldauer von sechs Stunden stellt selbst redselige spätere Gesamtkunstwerker wie Wagner oder Stockhausen in den Schatten. Rossis Librettist Francesco Buti erweitert die tragische Handlung um den mythischen Sänger durch neue Figuren und einen Nebenplot, in dem Aristeo, der Sohn des Bacchus, von Venus unterstützt und dennoch vergeblich um die Liebe Euridices buhlt.
Miteinander streitende Götter mischen sich ins Spiel und Allegorien wie Momos als Verkörperung des Spotts oder für die Oper des Frühbarocks typische Figuren wie die komische Alte, die Amme und ein burlesker Satyr weiten das Ganze ins Groteske, ja Parodistische.
Der Hörer dieser als tragicomedia konzipierten barocken Grand Opéra sieht sich einem schwindelerregenden Rausch gegenüber, einem Reichtum an Charakteren, Situationen und Musik – zahllosen kleinen, mal tänzerisch beschwingten, mal melodiös einschmeichelnden Arien, Duetten, Ensembleszenen, Chören und Tänzen –, deren Überfülle ihn fast den Überblick verlieren lässt. Erst der Tod Euridices am Ende des zweiten und der ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Uwe Schweikert
New York im Licht: Nach 18 Monaten der Stille öffnete die Metropolitan Opera wieder ihre Pforten – mit einer bewegenden Aufführung von Verdis «Requiem» unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin. Den Anlass bildete der 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center. Der gemeinsam mit dem 9/11 Tribute Museum initiierte Abend wurde live vor dem Opernhaus und...
Am ehemaligen Stammhaus seines vor 21 Jahren verstorbenen Lehrmeisters (dessen «Ring»-Deutung er ebendort ablöst) gibt sich Stefan Herheim auf den ersten Blick als gelehriger Schüler. Denn fast gebetsmühlenartig predigte Götz Friedrich seinerzeit den Studierenden, sie mögen doch bitte bei der Konzeption ihrer Inszenierungen unbedingt die drei dramaturgischen Zeiten...
Als Opernreformer hat Gluck Musikgeschichte geschrieben. Aber vor dem grundstürzenden «Orfeo» liegt ein langer, zwanzigjähriger Weg – 29 Bühnenwerke, die so gut wie nie aufgeführt werden. Gleich mit seinem Erstling «Artaserse» war er 1741 in Mailand erfolgreich. Es folgten bis 1745 sieben weitere für Italien geschriebene Stücke, meist auf Libretti Pietro...
