Radikal frugal
Dieser Gounod legt die Axt an die Wurzel. «Uns interessierte vor allem die Leere», hieß es schon vor der Premiere, aber Bühnen- und Kostümbildner dürften doch andere Ambitionen gehabt haben als die Regisseurin. Es sei denn, sie arbeiten nicht gern. Viel zu tun gab es jedenfalls nicht für sie. Das Libretto sieht sechs Szenenwechsel vor – hier findet der Fünfakter in ein und derselben Kulisse statt: zwei Säulengänge in grauem Beton, die an Mussolinis römische Bauten erinnern und nicht an einen Palazzo in Verona.
Der erste Akt also ohne glänzend beleuchteten Festsaal, der zweite ohne den Pavillon im nächtlichen Garten, der dritte ohne Bruder Laurents Zelle, der vierte ohne Juliettes Kammer, der fünfte ohne das Grabmal der Capulets.
Verzichtbare Äußerlichkeiten vielleicht, schließlich ist manches davon in der Musik vernehmbar. Aber wozu dann überhaupt noch Bühne und Kostüme! Schicken wir doch die seit Jahrhunderten zur Operngattung gehörenden Gewerke in die Rente, geben wir doch die Einheit von Wort, Ton und Bild einfach preis! Dann erst würde sich uns das Wesentliche unverstellt erschließen, in diesem Falle die fatale, ausweglose Liebe zwischen Romeo und Julia. Glücklicherweise ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Volker Tarnow
Nicht nur der Titel von Dieter Borchmeyers Buch über Mozarts Opern an sich ist bezaubernd, dieser Titel beschreibt zudem ziemlich treffend, worum es in jenen sieben großen Bühnenwerken geht, die Mozart binnen eines Jahrzehnts komponierte: um die «Entdeckung der Liebe». Wobei der Begriff «Entdeckung» durchaus einen doppelten Boden hat: Nicht jede Liebe, der man...
Schlägt man das Kapitel zu Anna Netrebko in Jürgen Kestings Monumentalwerk «Die großen Sänger» auf, so spürt man sofort, dass den Autor die Kunst in ihrer ganzen Welthaltigkeit interessiert: als Ware, als Medienphänomen und als Gegenstand eminenter Eigenbedeutsamkeit.
Kesting zitiert dort Rudolf Gröger, den damaligen CEO des Mobilfunkunternehmens O2, mit der...
Die Geschichte ist nicht ganz neu: Eine Frau liebt einen Mann, und der liebt sie. Das Problem: Ihr Vater hat einen anderen für sie ausgesucht. Was die Angelegenheit ins Katastrophische weitet, ist die Tatsache, dass der von der Tochter Erwählte vom Vater zusätzlich zum Feind erklärt wird. Etliche Opern gerade italienischer Provinienz bis weit ins 19. Jahrhundert...
