Wahn, Sinn und Methode

Wagner ist in, er fördert interessante Lesarten zutage: Lydia Steier inszeniert «Tannhäuser» an der Wiener Staatsoper, Peter Konwitschny die Götterdämmerung» in Dortmund, Jetske Mijnssen (in Glyndebourne) und Brigitte Fassbaender (in Frankfurt) das Bühnenweihfestspiel «Parsifal» und Michel Fau den «Fliegenden Holländer» in Toulouse

Opernwelt - Logo

Der Mensch, so hat es, sehr spitzfindig und süffisant, einmal T. S. Eliot formuliert, ist nicht imstande, viel Realität zu ertragen. Was häufiger, als man gemeinhin denken sollte, zur Folge hat, dass dieser Mensch dann in eine Traumwelt entflieht, dorthin, wo er zumindest das Gefühl, eine Ahnung von Freiheit hat, auch wenn dies nur eine Fata Morgana ist, die ihm vorgaukelt, die Welt, in der er sich bewegt, sei womöglich eine bessere. Dass sie das nicht zwingend ist, muss auch der tapfere Tannhäuser einsehen.

Zwar hat er im Venusberg schon allerlei sinnliche Freuden genossen, dennoch sagt ihm eine innere Stimme (womöglich die der platonischen Vernunft?), dies sei womöglich noch nicht die Ultima ratio. Es muss etwas anderes geben als die profane Lust; um danach zu suchen, beschließt der Titelheld in Wagners Oper, sich von der Göttin der Liebe loszureißen. Drei Anläufe unternimmt er, um ihren Fängen zu entkommen. Und je entschiedener Venus ihm den Austritt aus dem Reich der Ekstasen zu verwehren sucht, umso drängender wird sein Verlangen: Aus dem (heiligen?) Des-Dur in der ersten Strophe rückt Tannhäuser, von sanften Harfenklängen begleitet, chromatisch vor, erst zu D-Dur und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten, Markus Thiel, Gina Thomas, Stephan Mösch, Peter Krause

Weitere Beiträge
Wo aber sind die Genies?

Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi war der Erste. Unter seinem Künstlernamen Pietro Metastasio schrieb der italienische Dichter Hunderte von Libretti, die nicht nur den Grundstein für eine außergewöhnliche Kunstform legten, sondern zugleich ihren fortwährenden Ruhm begründeten; noch heute betören Metastasios Schöpfungen durch ihren Erfindungsreichtum,...

Das Monster Mensch

Der Mann war ein Unhold. Ihm mit Kunst zu «begegnen», darf als Wagnis gelten – welches aber, obschon auf verschiedenste Weise, gelingen kann. Bei den Filmfestspielen in Cannes kam Mitte Mai ein Film heraus, der vom «Verschwinden des Josef Mengele» erzählt – zunächst von dessen Flucht nach Südamerika, dem geheimen Besuch der BRD, von seiner Hochzeit in Argentinien,...

Gott, wo bist Du?

Die Geschichte ist alt, biblisch alt. Geschrieben steht sie im Ersten Buch Mose, Kapitel vier, und erzählt von jenem Mord, der als Menetekel, als Parabel, ja, als Urbild menschlicher Katastrophen taugt. Ein Bruder erschlägt seinen Bruder und wird von Gott dafür gezeichnet. Die Frage ist nur: Hat er etwas daraus gelernt? Begreift Kain, dass jenes Stigma, dass der...