Radikal ehrlich
Schöne, neue Welt? Mitnichten. Die Welt, die Clemens Meyer in seinem wort- und bildmächtigen Leipzig-Roman «Im Stein» beschreibt und in die er so tief eintaucht, dass man das Gefühl hat, er würde ganz und gar darin verschwinden, ist eher eine Unter-Welt, ein trostloser Ort, an dem die zwischenmenschlichen Beziehungen heruntergebrochen sind auf jenes Verhältnis, das Bernard-Marie Koltès in seinem fulminanten (leider heute kaum mehr gespielten) Theaterstück «In der Einsamkeit der Baumwollfelder» mit allergrößter Schonungslosigkeit offenlegt: da der Dealer, dort der Kunde.
Und ein erhebliches Misstrauen zwischen ihnen.
Liebe gibt es in dieser «Welt» nur in ihrer käuflichen Variante, für Sentimentalitäten ist kaum Platz, höchstens heimlich. Das ist mehr Hölle als Paradies. Aber es klingt nicht danach. Jedenfalls nicht in dem Musiktheater, das Sara Glojnarić auf der Grundlage des Romans (und nach langen Zweifeln, ob diese Höllenerdenfahrt überhaupt in Töne zu fassen sei) komponiert hat. Glojnarić zeichnet darin das Porträt einer urbanen Gesellschaft nach dem Scheitern aller großen Utopien, aber sie tut es mit jenem Augenzwinkern, das vielen Opern, die sich in die Untiefen der ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Porträt, Seite 60
von Jürgen otten
Benjamin Godard war zu seiner Zeit und auch danach ein allenfalls mäßig bekannter Komponist von Bühnenwerken, lediglich das Wiegenlied aus «Jocelyn» ist bis heute präsent. Im Hauptberuf unterrichtete Godard die Kammermusikklasse am Pariser Conservatoire – ein dringend benötigter Brotberuf, denn auch sein am 13. Mai 1890 an der Opéra-Comique uraufgeführtes...
Von Venedig nach Neapel: Nach Cavallis «La Calisto» zeigt das Teatro alla Scala nun «Li zite ’ngalera» (Die Verlobten auf der Galeere) von Leonardo Vinci und fügt seiner Auseinandersetzung mit dem Barockmusiktheater ein Stück hinzu, das bisher im Mailänder Spielplan fehlte. Bei Vincis Oper handelt es sich um eine Commedia per musica – die erste, deren Manuskript...
Die Götter müssen verrückt sein! Wo bin ich da nur hingeraten?» Dergleichen mag Odysseus gedacht haben angesichts der Rumpelkammer, pardon: der begehbaren Kunstinstallation, in die sich Ithaka in den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit verwandelt hatte. Wenn er schon die Heimat nicht wiedererkennt, wie wird es dann erst Penelope mit ihm ergehen? Kann es noch eine...
