Pirouetten auf dem Hochseil der Komik

Zum Tod des Schauspielers und Opernregisseurs Otto Schenk

Opernwelt - Logo

Im alten Reclam-Heftchen mit dem Text der «Meistersinger», das im Besitz seiner Familie war, stand bei Evchens Worten im dritten Aufzug: «O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann!» eine handschriftliche Regieanweisung. Sein Vater hatte sie dort an den Rand gekritzelt – und sie galt als verbindlich für den kleinen Otto und seine Schwester beim frühen Besuch von Wagners gemeinhin kaum als kindgerecht geltenden Bühnenwerk.

Die väterliche Marginalie war aber nicht etwa aus der Beobachtung einer vielleicht unvergesslichen Aufführung an der Wiener Staatsoper entstanden – oder gar als Teil einer von ihm, Papa Schenk, selbst imaginierten Inszenierung. Das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Nein: Der Vater wollte, dass seine Kinder, wenn sie in der Oper den vorab studierten Text mitlasen, diese Forderung erfüllten, wie es sich für ein gebildetes, mitfühlendes Publikum gehörte. Da stand nämlich, an diesem Moment der Rührung, ein Imperativ: «Weinen!»

Viel Tiefes, ja Unsagbares steckt in dieser Anekdote. Ein Teil davon gehört auch zu jener bleibenden Wunde in der Familiengeschichte der Schenks. Denn Ottos Vater, ein katholischer Notar und seinerseits Sohn eines namhaften Wiener Embryologen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2025
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Walter Weidringer

Weitere Beiträge
Erlösung bietet allein der Tod

Der Augenblick der Seligkeit, er währt nur wenige entrückte Minuten. Wie ein mondbeschienener Liebestraum in Ges mutet dieses Andantino non troppo lento im wiegenden 6/8-Takt an, in dem Anna Brull (als stimmlich wie darstellerisch exquisite Königin von Karthago) und Iurie Ciobanu (als glaubhaft mit sich und den Umständen ringender trojanischer Krieger) innig...

American Psycho

Vorn, am linken Bühnenrand, liegt, schlafend, das Tier. Ein Kojote. Der aber zum Glück kein echter Kojote ist – die wolfsähnlichen Steppenwölfe gelten als gefährlich. Dieser ist erstens nicht echt, sondern ein Mensch in Glitzerkleidung mit hochhackigen Schuhen und als Kojote maskiert (der Choreograph des Abends, Ivan Estegneev), er ist zweitens auch ein Freund der...

«Die Utopie ist da, es gibt sie!»

Herr Fioroni, in seinem Roman «Herkunft» beschreibt Saša Stanišić sehr anschaulich, wie polyvalent und widersprüchlich der Begriff ist. Auch bei Ihnen scheint das der Fall zu sein: Dem Namen nach würde man einen Italiener vermuten, aber Sie sind Schweizer und in Deutschland aufgewachsen. Das klingt nach einer polyglotten Identität …
Das stimmt. Identität und...