Pirouetten auf dem Hochseil der Komik
Im alten Reclam-Heftchen mit dem Text der «Meistersinger», das im Besitz seiner Familie war, stand bei Evchens Worten im dritten Aufzug: «O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann!» eine handschriftliche Regieanweisung. Sein Vater hatte sie dort an den Rand gekritzelt – und sie galt als verbindlich für den kleinen Otto und seine Schwester beim frühen Besuch von Wagners gemeinhin kaum als kindgerecht geltenden Bühnenwerk.
Die väterliche Marginalie war aber nicht etwa aus der Beobachtung einer vielleicht unvergesslichen Aufführung an der Wiener Staatsoper entstanden – oder gar als Teil einer von ihm, Papa Schenk, selbst imaginierten Inszenierung. Das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Nein: Der Vater wollte, dass seine Kinder, wenn sie in der Oper den vorab studierten Text mitlasen, diese Forderung erfüllten, wie es sich für ein gebildetes, mitfühlendes Publikum gehörte. Da stand nämlich, an diesem Moment der Rührung, ein Imperativ: «Weinen!»
Viel Tiefes, ja Unsagbares steckt in dieser Anekdote. Ein Teil davon gehört auch zu jener bleibenden Wunde in der Familiengeschichte der Schenks. Denn Ottos Vater, ein katholischer Notar und seinerseits Sohn eines namhaften Wiener Embryologen, ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Walter Weidringer
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