Paradoxes Charisma
Man muss nicht gleich die Labyrinthe der Hegel’schen Dialektik bemühen, um zu erfahren, dass Gegensätze, ja Widersprüche, sich keineswegs ausschließen. Zwei Beispiele: Der Pianist Friedrich Gulda, als Exponent eines «modernen», motorisch-energetischen Beethoven-Stils ebenso gefeiert wie als engagierter Jazzmusiker mit Misstrauen bedacht, nannte als Vorbilder ausgerechnet Alfred Cortot und die Aufnahme von Brahms’ B-Dur-Konzert mit Wilhelm Backhaus und der Sächsischen Staatskapelle unter Karl Böhm. Der bekennende Anti-Romantiker Gulda orientierte sich an den Extremen.
Und der Komponist Helmut Lachenmann, eher allergisch gegen traditionsgesättigten Heile-Welt-Schönklang selbst noch bei Hans Werner Henze oder György Ligeti, favorisierte (man glaubt es kaum) die ausgesprochenen Gegenwelten: Richard Strauss’ «Alpensinfonie» und – o Schreck, o Graus! – den italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone. Größere Gegensätze zu radikal avantgardistischer Wohllaut-Verweigerung sind kaum denkbar. Um so heilsamer ist es, sich solcherart Paradoxien auszusetzen.
Nun ist das Feld der Musik ohnehin reich, teils auch starr parzelliert: «E» und «U» trennen die Großregionen; selbst die «Ernste» kennt ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: In Memoriam, Seite 68
von Gerhard R. Koch
Ich bin nicht souverän. Kann es nicht sein, obwohl die Freiräume wieder größer werden. Die Zeit arbeitet für uns, denkt man, beruhigt man sich. Ja, wir werden wieder Theater spielen. Der Spuk wird ein Ende haben. Aber souverän? NEIN. Ich schaffe das nicht, denn ich muss zugeben, dass ich verstörende Tendenzen in meiner Psyche entdecken musste, auf die ich nicht...
Als im Jahr 1722 der afghanische Stammesfürst Mir Mahmud Hotaki die persische Hauptstadt Isfahan eroberte und den Schah stürzte, da war das Thema auch in Hamburger Zeitungen. Die Ereignisse faszinierten offensichtlich so sehr, dass nahezu in Echtzeit ein Roman erschien, aus dem schon sechs Jahre später Georg Philipp Telemann eine Oper für das Haus am Gänsemarkt...
Nachdem der fragwürdige Staatsrechtler Carl Schmitt im Alter seiner Paranoia verfallen war, äußerte er zu einem Bekannten, er müsse seinen berühmten Satz «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», den er nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben habe, korrigieren. Nun sage er stattdessen: «Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.»
Das klingt...
