Noblesse oblige
1990 war Alfredo Kraus 63 Jahre alt und klang noch immer frisch wie ein Jüngling. Doch für einen der «Drei von Caracalla» wäre er niemals eingewechselt worden – das Anbiedernd-Auftrumpfende war nie das Seine, Farben, Stimmung, Ausdruck kamen allein aus der souveränen Beherrschung der Gesangstechnik im Sinne des Belcanto. Dabei suggerierten beispielsweise die berühmten neun hohen C’s in Tonios «Pour mon âme» auch bei ihm durchaus eine athletische Höchstleistung.
Doch servierte er sie nie als sportlichen Rekordversuch, sondern mit der für ihn typischen, beinahe spielerischen Selbstverständlichkeit. Es gab freilich auch jene, die Kraus’ elegante Stili -sierung zu distanziert fanden, seine Tonemission allzu konzentriert. Die das für ihn so typische Timbre als zu hell, gar «uncharmant» empfanden und sich mehr samtene Fülle, mehr «Honig» in der Stimme gewünscht hätten. Doch war dies etwa gegenüber der Geschmeidigkeit und Noblesse seines Singens, der Makellosigkeit seiner Phrasierungen eine Petitesse.
Nur zögerlich nahm indes der Schallplattenmarkt Notiz von der außerordentlichen Begabung des Tenors aus Las Palmas mit österreichischem Vater und spanischer Mutter. Mitschuld daran trug ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 28
von Gerhard Persché
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