Noblesse oblige
1990 war Alfredo Kraus 63 Jahre alt und klang noch immer frisch wie ein Jüngling. Doch für einen der «Drei von Caracalla» wäre er niemals eingewechselt worden – das Anbiedernd-Auftrumpfende war nie das Seine, Farben, Stimmung, Ausdruck kamen allein aus der souveränen Beherrschung der Gesangstechnik im Sinne des Belcanto. Dabei suggerierten beispielsweise die berühmten neun hohen C’s in Tonios «Pour mon âme» auch bei ihm durchaus eine athletische Höchstleistung.
Doch servierte er sie nie als sportlichen Rekordversuch, sondern mit der für ihn typischen, beinahe spielerischen Selbstverständlichkeit. Es gab freilich auch jene, die Kraus’ elegante Stili -sierung zu distanziert fanden, seine Tonemission allzu konzentriert. Die das für ihn so typische Timbre als zu hell, gar «uncharmant» empfanden und sich mehr samtene Fülle, mehr «Honig» in der Stimme gewünscht hätten. Doch war dies etwa gegenüber der Geschmeidigkeit und Noblesse seines Singens, der Makellosigkeit seiner Phrasierungen eine Petitesse.
Nur zögerlich nahm indes der Schallplattenmarkt Notiz von der außerordentlichen Begabung des Tenors aus Las Palmas mit österreichischem Vater und spanischer Mutter. Mitschuld daran trug ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 28
von Gerhard Persché
Seine letzte Oper sollte eine lustige sein – so der ausdrückliche Wunsch des belgischen Komponisten Philippe Boesmans, den er Freunden im Februar 2022, rund zwei Monate vor seinem Tod, mitteilte. Nach all jenen Tragödien, die er bis dahin geschrieben habe, vor allem nach «Julie» auf Strindberg, wolle er mit totaler Leichtigkeit (légèreté) und Nachlässigkeit (insouc...
Und darum ist ja ewig dieser Wirrwarr von Einst und Jetzt und Später in dir» – das wird Anatol von seinem Freund Max in Arthur Schnitzlers Schauspiel «Anatol» von 1892 vorgehalten. Von Schnitzler zu Hugo von Hofmannsthals «Rosenkavalier»-Dichtung vergehen wenige Jahre, 1911 wird sie als «Komödie für Musik» von Richard Strauss uraufgeführt.
Der Begriff «Wirrwarr»...
Vielleicht war es Zufall, vielleicht sublime Dramaturgie. Zwei Aufführungen des Teatro Real an aufeinander folgenden Tagen boten in Madrid Variationen eines Opernurstoffs: eine Frau zwischen zwei Männern. Die Uraufführung «La Regenta» von Marisa Manchado Torres fand nicht im Haupthaus statt, sondern in einem Saal des 2006 eröffneten Kulturzentrums Matadero. Der...
