Menschliches, allzumenschliches
Panta rhei. Alles fließt. Weniger das Wasser, das sieht man hier nicht. Aber Paare und Passanten strömen dahin, mit all ihren flüchtigen Gedanken, Empfindungen, Wünschen, Sehnsüchten. Ein bestimmtes Ziel scheint keiner von ihnen zu haben, aber immerhin: Sie sind in Bewegung, weil Stillstand das Schlimmste wäre auf der Suche nach dem, was mit einem so großen Wort belegt ist: «Wie schwierig ist es, das Glück zu finden», singt Giorgetta irgendwann, fast beiläufig. In diesen wenigen Worten liegt das Dilemma nicht nur ihrer Existenz.
Auch Michele, der Mann, den sie nicht mehr liebt, Luigi, ihre Amour fou, und Tinca, der mit Alkoholexzessen den Schmerz über seine untreue Ehefrau zu tilgen sucht – sie alle leiden am Leben, an dessen Bedingungen. An der condition humaine.
Man kann das im ersten Stück der Trilogie als soziales Drama zeigen, schließlich sind die Protagonisten Seine-Schiffer, die um jeden Sou kämpfen müssen. Man kann es aber auch so machen wie Wolfgang Nägele am Saarländischen Staatstheater: Er zeigt uns die Menschen als Getriebene, voneinander Entfremdete, nur momentweise imstande, sich aus der straffen Klammer der Traurigkeit zu befreien, die sich um ihren Hals windet wie ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Jürgen Otten
Man hatte es geahnt. Dieser Abend würde ihr Abend werden, eine Demonstration außergewöhnlichen Könnens. Und Asmik Grigorian, seit ihrem atemraubenden Auftritt als Salome bei den Salzburger Festspielen 2018 in Romeo Castelluccis magisch-mystischer Inszenierung unangefochtene Königin in dieser Partie, enttäuschte ihre Fans nicht. Die litauische Sopranistin...
1990 war Alfredo Kraus 63 Jahre alt und klang noch immer frisch wie ein Jüngling. Doch für einen der «Drei von Caracalla» wäre er niemals eingewechselt worden – das Anbiedernd-Auftrumpfende war nie das Seine, Farben, Stimmung, Ausdruck kamen allein aus der souveränen Beherrschung der Gesangstechnik im Sinne des Belcanto. Dabei suggerierten beispielsweise die...
Es ist kurz vor eins, die Sonne bricht sich soeben durch die Wolken (aber das wissen wir erst später), da geschieht das Unumgängliche: der berühmte Kafka-Moment. Tränen auf der Leinwand, Tränen im Jeremy Hynes Theatre. Man kann weder das eine noch das andere verhindern. Aber was ist das auch für ein Film, dessen Ende so berührend, dessen Geschichte aber so grausam...
