Nackte Gefühle

Er ist keineswegs nur der Otello und Samson vom Dienst, er hat ebenso dirigentische Ambitionen und führt neuerdings sogar Regie. Das Wichtigste für ihn: die Sinnlichkeit der Oper. Der argentinische Tenor José Cura im Gespräch mit Kai Luehrs-Kaiser

Herr Cura, am Tag der Premiere von Massenets «Le Cid» in Zürich erfuhren Sie, dass Ihr Vater gestorben ist. Dennoch haben Sie gesungen.
Ja, es war ein Alptraum und eine sehr besondere Situation zugleich. Ich hatte intuitiv immer gewusst, dass mich eine solche Nachricht irgendwann, wenn man gar nicht damit rechnet, erreichen würde. Nur war mir auch klar, dass ich zusammenbrechen und eine Woche lang heulen müsste, wenn mein Vater stirbt. Am Tag der Premiere des «Cid» wusste ich überhaupt nicht, was ich tun sollte. Auch darüber war ich verzweifelt.

Hinzu kam, dass die Vorstellung ausgefallen wäre, wenn ich nicht gesungen hätte. Denn es gibt ja keine Sänger, die den «Cid» im Programm haben. Irgendwann sagte ich mir: «Lass alles raus, während du singst.» Ich ließ mich vom Intendanten Alexander Pereira ansagen. Und habe wahrscheinlich gesungen wie noch nie. Es war jedenfalls so intensiv wie nie. Ich werde das bestimmt nicht wiederholen können. Ich hoffe, dass ich diese Partie überhaupt nie mehr singen muss.

Inwieweit haben Sie anders gesungen?
Ich habe geweint beim Singen. Auch der Dirigent hat geweint, und ebenso das Publikum. Am Ende, glaube ich, galten die Standing Ovations nicht mir, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2008
Rubrik: Interview, Seite 52
von Kai Luehrs-Kaiser

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gott, allein zu Haus

Alceste, mon amour. Alceste, mio amore. Alkeste, meine Liebe. In welcher Sprache sie auch besungen wird: Wer an diese Frau denkt,  muss unweigerlich ans «Fidelio»-Ende denken. Wer ein holdes Weib errungen, stimme in den Jubel ein. Bei Alkestis, der Königin, wie sie bei Euripides erscheint, ist es allerdings eher eine nach innen gewendete Freude, ein Sich-Verneigen...

Kühles Delirium

Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die...

Hommage an eine Muse

Wenn es um Bühnenwerke von Jake Heggie geht, ist es müßig, à la «Capriccio» über die Frage nach dem rechten Verhältnis von Musik und Sprache («prima la musica, poi le parole») zu debattieren. Seit der in San Francisco lebende Komponist Noten setzt, hat er vor allem Texte vertont – zunächst schrieb er Songs, dann Opern («Dead Man Walking») und «musical scenes». Die...