Mord klingt nicht

Hindemith und Rihm: Einige vergleichende Betrachtungen anlässlich des 100. Geburtstags der Oper «Cardillac»

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Vermutlich wusste E. T. A. Hoffmann nicht, wie wichtig seine Novelle «Das Fräulein von Scuderi» einmal für die Musikgeschichte werden würde. Dabei war der Stoff als Sujet wunderbar für eine Vertonung geeignet: Ein Künstler mordet, weil er seine Kunstwerke nicht an die Öffentlichkeit verlieren will. Als Paul Hindemith in den 1920er-Jahren nach einem Opernstoff suchte, wurde er bei dem romantischen Dichter fündig. Das Ergebnis war ein Werk, das nicht zuletzt aus politischen Gründen bald in Vergessenheit geriet: «Cardillac» zählt zu den schillerndsten Literaturopern des 20. Jahrhunderts und wurde anlässlich des 100. Geburtstags in der soeben abgelaufenen Spielzeit an einigen Opernbühnen auch wieder aufgeführt. Im «Jakob Lenz» brachte Wolfgang Rihm eine nicht minder psychotische Figur auf die Bühne. Nicht die einzige Gemeinsamkeit: Beide Komponisten stehen für eine Autarkie des Klangs, beide haben sich als Solitäre in der Szene behauptet, beide haben sich immer wieder gegen jedwedes Dogma zu Wehr gesetzt.

Paul Hindemith verkörperte in den 1920er-Jahren während der Weimarer Republik die gleiche zentrale Künstlerpersönlichkeit in Sachen Neuer Musik, wie es Wolfgang Rihm in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik tat: Beide gelangten bereits als sehr junge Komponisten zu hohem, kontrovers diskutiertem Ansehen – mit einer immensen Spiegelung ihrer Werke im jeweiligen Konzertleben wie ebenfalls als Galionsfiguren ihrer Generation. Unterschiedlich war die ästhetische Perspektive.

Den Begriff «Neue Musik» hatte der namhafte Musiksoziologe, Ästhetiker, Theaterintendant und Kritiker Paul Bekker 1919 in seinem so betitelten Essay als geforderten Rückgriff auf vorklassische Formen bereits ausführlich definiert; da war von Neoklassik oder Neobarock noch lange nicht die Rede, Strawinskys Musiktheater-Torso «Die Geschichte vom Soldaten» aber schon ein Jahr alt.

Hindemith und Rihm gemeinsam ist zudem die Verbindung zwischen Einfall und klanglicher Konkretion, gemäß Rihms Ansicht, die Partitur, deren Entstehung einem «Schnitt ins eigene Fleisch» ähnele, sei nur «der Wirt» der Musik; ihren Ort solle sie einzig im Konzertsaal im Moment ihres Erklingens haben – was sehr nah an Hinde -miths ...

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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Hindemith: Cardillac, Seite 136
von Achim Heidenreich

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