Mit forschendem Blick
Forschend blickt Christian Gerhaher auf dem Cover dem Betrachter ins Auge, an einen aufmerksamen Psychiater gemahnend. Wer könnte der Patient sein? Robert Schumann selbst? Clara? Wohl sind die «Myrthen», op. 25, die der Komponist seiner geliebten Braut 1840 am Vorabend der Hochzeit metaphorisch ins Haar wand, «eines der schönsten je einem liebend geliebten Menschen gemachte Geschenke», wie der Sänger es im Booklet seiner jüngsten CD formuliert. Und doch transportieren sie in der Retrospektive eben auch den tragischen Verlust.
Als selbsterfüllende Prophezeiung? Auf jeden Fall würde die distanzierte Sicht eines (Psycho-) Analytikers zur Aussage passen, die Gerhaher einmal im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen traf: Er lasse eine Figur zwar durch sich hindurch, aber er sei diese Figur nicht; es gebe da eine unbedingt nötige Distanz. Dabei schafft Gerhaher immer wieder die Quadratur des Kreises, trotz dieser Mauerschau-Perspektive direkt und außerordentlich zu berühren. Im Falle der «Myrthen» nicht nur am Schluss des vierteiligen Zyklus (Gerhaher versteht den Liedkreis eindeutig zyklisch, nicht bloß als Kompilation), da die Summe eines gemeinsamen Lebens gezogen wird. Gerhaher ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Gerhard Persché
Es ist ein Opernabend der anderen Art. Im ausverkauften Opernhaus von Baku freilich gehört die Aufführung von «Leyli und Madschnun» zum festen Ritual eines dem aserbaidschanischen Komponisten Uzeyir Hadschibeyli gewidmeten Festivals. Während auf der Bühne das große Liebesdrama zelebriert wird, leuchten im Publikum unentwegt Handys auf, es wird fotografiert und...
Wer sich erkennen will, braucht Abstand zu sich selbst. Er muss aus der Befangenheit in den eigenen Verhältnissen hinaustreten können, frei werden von den Imperativen seines Alltags, dessen bloße Abbildung nichts als neue Nötigung wäre. Darin liegt die große Weisheit der Alten, zumal des barocken Theaters, das Geschehen der Oper zu verlegen an ferne Orte und in...
Wenn er über Musik sprach, leuchteten die Augen. Seine und die seines Gegenübers. Karl-Dietrich Gräwe war der «Materie» gleichsam verfallen, und es gab nur wenige Experten, die das Phänomen Musik mit so großer Emphase und leidenschaftlicher wie sinnfälliger Begeisterung in Worte zu fassen vermochten wie er. 1937 in Bielefeld geboren, promovierte der studierte...
