Missverständnis
Vor gut 200 Jahren, genau am 7. Mai 1824, kam Beethovens Neunte Symphonie am Wiener Kärntnertor-Theater zur Uraufführung – ein Jubiläum, das nun in der Musikwelt gebührend gefeiert wurde: TV-Dokumentationen erinnerten an diesen Meilenstein der Musikgeschichte, der Fernsehsender Arte sendete nacheinander Aufführungen der Symphonie-Sätze live aus Leipzig, Paris, Mailand und Wien. Was bei den Festivitäten in den Hintergrund zu rücken schien: Die Neunte war von Anfang an ein eminent politisches Stück – und daher vor Instrumentalisierungen niemals gefeit. Im 19.
Jahrhundert wurde sie zum bürgerlich-anrührenden Repräsentationsstück mit deutschnationalen Tönen herabgewürdigt; die Bolschewisten intonierten sie zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution, die Nazis zum «Führergeburtstag». Und 1989 war es Leonard Bernstein dann nicht peinlich, anlässlich des Falls der Mauer die einschlägige Textzeile aus Schillers Ode in «Freiheit schöner Götterfunken» umzudichten.
Was die Popularität angeht, steht Beethovens Opern-Solitär «Fidelio» zwar weit im Schatten der Symphonie. Aber wie im monumentalen Schluss -chor, wird auch im «Fidelio» eine Form von Freiheitspathos zelebriert, das politischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Werner Kopfmüller
Ein finsteres Geheimnis umgibt die Felsenhöhle, Mimes und seines Ziehsohns Siegfrieds Wohnstatt. Wenn man es auch nicht zwingend sieht – hören kann man es im Vorspiel zu «Siegfried». Schwer fallen die Fagott-Terzen eine Septim herunter auf den tremoli-bebenden Boden. Unheil bahnt sich an, und wenn das Orchester der Bayreuther Festspiele im zartesten pianissimo die...
In einem Selbstinterview gab Glenn Gould 1972 seine Abneigung gegen Beethovens «König-Stephan-Ouvertüre» freien Lauf – «mehr oder minder von der ersten bis zur letzten Note». Die folgenden neun Nummern dieser anlässlich der Eröffnung des Deutschen Theaters in Pest am 9. Februar 1812 komponierten Schauspielmusik erwähnte der kanadische Pianist erst gar nicht. Eine...
Mögen sie Humanität durch unblutigen Tod vorspiegeln wie immer sie wollen – Hinrichtungen sind mit den erreichten zivilisatorischen Standards nie je vereinbar. Auf der Bühne des Detmolder Landestheaters wird die von Staats wegen angeordnete Barbarei dennoch bis zur Harmlosigkeit herabgedimmt. Delinquent Joseph De Rocher findet sich auf einer gewöhnlichen...
