Pure Poesie
Ein paar Zentimeter sind es nur, aber in diesem Moment, beim letzten Zusammentreffen von Tatjana und Onegin, fühlt es sich an wie ein Theatercoup. Ein Bühnenrechteck mit beiden fährt nur eine Handbreite nach oben, hier aber macht das den Eindruck einer Himmelfahrt. Solch eine Detailwirkung kann es nur geben, wenn eine Aufführung mit extremer Ökonomie der szenischen Mittel arbeitet. Und wenn sie, wie auf dieser weißen, weiten Bühne, Denkräume eröffnet, Möglichkeiten andeutet, Unausgesprochenes zulässt und Eindeutigkeit vermeidet.
Naturalismus und Historisierendes gestattet Regisseurin Eva-Maria Höckmayr nur als vorsichtige szenische Würze. Wie Zitate aus dem 19. Jahrhundert begegnen sich ihre Figuren im «Eugen Onegin». Ein Abend der stillen Zeichenhaftigkeit entwickelt sich am Tiroler Landestheater. Auch einer der kühlen Suggestivkraft und der feingliedrigen Regie. Tschaikowskys Realismus (und der seines Vorlagedichters Puschkin) teilt sich dadurch umso schonungsloser mit. Ausstatterin Julia Rösler hat nur ein paar verschiebbare Wände konstruiert. Die verengen sich, werden manchmal von den Personen selbst verschoben, als müssten sie um Freiräume kämpfen – oder sich schützen in ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Markus Thiel
Jean-Baptiste Lullys 1674 in Paris uraufgeführte «Alceste» nimmt in der Geschichte der französischen Oper eine Schlüsselstellung ein. Es war die erste in der von Lully und seinem Librettisten Philippe Quinault erfundenen neuen Gattung der «in Musik gesetzten Tragödie», die mit dem antiken Vorbild in Konkurrenz trat. Von der «Alkestis» des Euripides ist freilich...
Darüber, was Musik sein könnte, gingen die Meinungen schon immer auseinander. Mag sie ihrem Ursprung nach, als «mousiké», Musenkunst gewesen sein, differieren die Definitionen je nach Zeit, Perspektive und Autor. Für Schönberg bedeutete Musik eine Form mystischer Konsonanz mit dem Weltall, für den Experimentalpsychologen Steven Pinker ist sie kaum mehr als...
Dass sich eine Karotte zum Herrscher über ein ganzes Reich ausrufen lässt und dank eines bösen Zaubers so lange (leider auch miserabel) herrscht, bis sie, nun ja, welk wird: So eine Idee ist nicht untypisch für die satirische Bühnenwelt Jacques Offenbachs und seiner Librettisten. Dennoch gehört «Le Roi Carotte», vor dem Deutsch-Französischen Krieg 1869 begonnen,...
