Pure Poesie
Ein paar Zentimeter sind es nur, aber in diesem Moment, beim letzten Zusammentreffen von Tatjana und Onegin, fühlt es sich an wie ein Theatercoup. Ein Bühnenrechteck mit beiden fährt nur eine Handbreite nach oben, hier aber macht das den Eindruck einer Himmelfahrt. Solch eine Detailwirkung kann es nur geben, wenn eine Aufführung mit extremer Ökonomie der szenischen Mittel arbeitet. Und wenn sie, wie auf dieser weißen, weiten Bühne, Denkräume eröffnet, Möglichkeiten andeutet, Unausgesprochenes zulässt und Eindeutigkeit vermeidet.
Naturalismus und Historisierendes gestattet Regisseurin Eva-Maria Höckmayr nur als vorsichtige szenische Würze. Wie Zitate aus dem 19. Jahrhundert begegnen sich ihre Figuren im «Eugen Onegin». Ein Abend der stillen Zeichenhaftigkeit entwickelt sich am Tiroler Landestheater. Auch einer der kühlen Suggestivkraft und der feingliedrigen Regie. Tschaikowskys Realismus (und der seines Vorlagedichters Puschkin) teilt sich dadurch umso schonungsloser mit. Ausstatterin Julia Rösler hat nur ein paar verschiebbare Wände konstruiert. Die verengen sich, werden manchmal von den Personen selbst verschoben, als müssten sie um Freiräume kämpfen – oder sich schützen in ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Markus Thiel
Die Libretti der berühmtesten Opern Giacomo Puccinis werden häufig unterschätzt. Dabei sind die Szenen präzise, und die Musik folgt jeder Nuance. Etwa wenn Toscas Besänftigung wieder in die nächste Eifersuchtsattacke umkippt; wenn Mario Cavaradossi nicht ganz bei der Sache ist, sondern eine Spur abgelenkt; wenn Scarpia es sich in seiner abgrundtiefen Schlechtigkeit...
Das Schicksal des Menschen ist, so scheint es zumindest, elastisch. Es kann prokastiniert, gedehnt und verzögert werden, nicht jedoch ins Unendliche. Unweigerlich kommt irgendwann der Moment, in dem das Gummi des Lebens reißt und der Tod durch die Tür tritt, unheimlich, still und nur selten leise. Dem (Musik-)Philosophen Vladimir Jankélévitch verdanken wir die...
An Gesamtaufnahmen des «Rinaldo» herrscht kein Mangel. Was wir hören, ist stets die erste Fassung, deren Premiere am 24. Februar 1711 im Londoner Queen’s Theatre am Haymarket und auch danach wahre Begeisterungsstürme auslöste. 1731 später bearbeitete Händel «Rinaldo» aber derart radikal, dass man fast von einem neuen Werk sprechen muss. Die Stimmlagen fast aller...
