Der sanfte Riese
Von dem französischen Maler und Graphiker Pierre Soulages ist ein Satz überliefert, der in knapp-konzisen Worten das Selbstverständnis eines Künstlers beschreibt: «Es ist das, was ich mache, was mich lehrt, wonach ich suche.
» Auch für Pascal Dusapin besitzt diese sublime Sentenz Gültigkeit; kaum zufällig stellte er sie seinem Essay «Das Empfindsame komponieren» voran, in dem er mit wenigen, aber gestochen scharfen, philosophisch grundierten Worten beschreibt, was es bedeutet, Komponist zu sein, und welche Landschaften man durchstreift auf der Suche nach dem Anderen, Fremden, Unerhörten.
«Die Zwischenräume, Abstände, Pausen», schreibt Dusapin in bester Roland-Barthes-Manier, «schaffen den Raum für eine neue Musik; etwas hält leicht inne und lüftet den Schleier über einer anderen möglichen Musik. An den Rändern einer Bresche des Hörens offenbart sich ein anderes Wahrscheinliches.»
Nicht nur diesen Zeilen merkt man deutlich an, dass dieser charismatische Komponist, der seine Profession (die weit mehr ist als ein Beruf, nämlich eine Passion) stets als eine Tätigkeit im «Dazwischen» begriffen hat, auch als ein im Grunde unauflösbares Paradoxon. Künstlerisches Schaffen bedeutet für ihn ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Jürgen Otten
Die Dame hinter uns summt vernehmlich mit. In einer lutherischen Kirche ist das nicht ungewöhnlich, da gehört der Gemeindegesang so sehr zum Ritual eines Gottesdienstes wie das «Amen». Doch an diesem milden Frühlingsabend in der Rostocker Nikolaikirche wird keine Andacht gehalten – auf dem Programm steht ein «Musiktheater mit dem Liederzyklus von Franz Schubert und...
Der Protagonist als leuchtendes Vorbild? Zumindest der Beginn dieser Uraufführung, die sein Name titelgebend ziert, suggeriert dergleichen. Noch ist kein einziger Ton erklungen, da sieht man das Gesicht dieses Mannes. Geisterhaft hebt es sich aus einem Bühnendunkel ab, das sich dann nach und nach mit seiner Handschrift füllt, so als wären es vor allem Gedanken und...
Seit «Tiefland» befand sich Eugen d’Albert in Hochstimmung. Die Oper feierte landauf, landab Erfolge, die ihm kaum weniger wichtig waren als seine Erfolge bei Frauen. Jede Hochzeit steigerte im Freundeskreis die spöttische Bewunderung, und am Ende wusste niemand mehr, ob der englisch-französische Deutsche mittlerweile die fünfte oder sechste Ehe führte, was einen...
