Mal ehrlich Juni 2018

Opernwelt - Logo

So lange ich denken kann, hat mir der eiserne Grundsatz gute Dienste geleistet: auf Tour nie bei Verwandten wohnen! Nicht, dass ich was gegen die Familie hätte. Es ist bloß so: Wer nicht selbst ein Musikerleben lebt, hat von unserm Tun und Treiben nur eine vage Vorstellung, weiß kaum, was der Job erfordert. Unschuldigen Zivilisten den Künstler-Rhythmus aufzwingen, die ausgefallenen Schlafenszeiten, die Essgewohnheiten? Nein, danke. Mal ehrlich, wenn sich ein Sänger eine eigene Bleibe mietet, ist das Leben für alle entspannter.

Für Proben in Glasgow habe ich mit dieser Regel allerdings gebrochen. Hier residiert die letzte mir noch verbliebene Tante. 81 Jahre ist sie alt, seit Kurzem Witwe. Sie denken an Kaffee und Kuchen, an Puzzles und Pendeluhren? Weit gefehlt. Tantiges hat meine Tante rein gar nichts an sich. Ich liebe Dodo – und Dodo liebt den Wein. So groß ist diese Liebe, dass sie einst sogar einen landesweiten Sommelier-Wettbewerb gewonnen hat. Wenn ich spätabends von der Probe komme, wartet sie mit dem Korkenzieher im Anschlag. Köpft Vintage-Champagner, dekantiert feinen Bordeaux, sagt: «Wir haben heute noch was Wichtiges vor. Hol du schon mal den Käse aus der Küche: Ich habe ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 71
von Christopher Gillett

Weitere Beiträge
Fair Porn

Darf ein Countertenor Rossini singen? Die Frage ist so sinnvoll oder so sinnlos wie die nach Bach auf dem Steinway oder – vermutlich hier treffender – die nach Schubert auf dem Cembalo. Natürlich darf er, wenn das künstlerische Resultat überzeugt. Max Emanuel Cenčić überzeugt in den beiden Arien des Malcolm aus Rossinis «La donna del lago», die er schon 2007 auf CD...

Visionär

Dass an Finanzbeamten auch Gutes sein kann, suggeriert schon das Neue Testament. Denn «Zöllner» Zachäus, ein die Juden im Namen Roms ausblutender Steuereintreiber, erlebt nach Lukas 19, 1-10 seine Metanoia und verschenkt die Hälfte des Besitzes an die Armen. Und auch der Pariser Steuerpächter Le Riche de La Pouplinière übte Wohltätigkeit: Zwar gab er nicht gleich...

Mit Mut zur Lücke

Es gibt viele Zahlen, die sich mit der Wiedereröffnung des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth verbinden. Natürlich sind da zunächst die knapp 30 Millionen Euro, die der Freistaat Bayern für die Restaurierung zur Verfügung gestellt hat. Markus Söder, der in seiner Funktion als Finanz- und Heimatminister mit dem Projekt vielfach beschäftigt war, fasste es bei...