Magische Landschaften
Man muss nicht zwingend ein Buddhist sein, um den tieferen Charme dieses Satzes zu begreifen, seine gerade auf die Defizite der westlichen Spätmoderne anwendbare weltanschauliche Evidenz: «Der Weg ist das Ziel.» Bei der Premiere von Messiaens Musiktheater «Saint François d’Assise» Ende September 2002 an der San Francisco Opera wurde das philosophische Bonmot zu einem berührenden bildhaften Moment.
Von der Rampe führte, sanft ansteigend, ein serpentinengleicher, sich im Verlauf des Abends unentwegt drehender Weg in den Hintergrund, elegant geschwungen, von schlichter Schönheit – und zugleich Sinnbild für jenen Weg, den die Mönche in dieser megalomanen Oper, von bleiernem Gewicht beschwert, beschreiten (müssen): himmelwärts zum Licht, zu Gott, gleichsam als Kontrapunkt zu jenem Kreuz, das als Chiffre für die Leiden Jesu auf dem Bühnenboden verankert war und zudem als Projektion an der Bühnenrückwand aufschien – fast wie ein (christliches) Menetekel
Ersonnen hatte diesen «Weg» der Erkenntnis (und zugleich des religiösen Zweifels) Hans Dieter Schaal, zweifelsohne einer der fantasievollsten Bühnenbildner unserer Zeit – als untrügliches Zeichen dubioser Heilsverheißung. Die Inszenierung ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Jürgen Otten
Manchmal muss man improvisieren. Wegen eines Wasserschadens im Dezember 2022 ist die Bühne im Pfalztheater Kaiserlautern nach wie vor nicht bespielbar. Für die Produktion von Donizettis «L’elisir d’amore» musste ein Ausweichquartier gefunden werden. Die mehrfach verschobene Premiere fand nun in einem Zirkuszelt neben dem Kaiserslauterer Warmfreibad statt. Belcanto...
Es war eine der Sternstunden der Intendanten-Ära des kürzlich verstorbenen Kurt Horres an der Rheinoper, damals, 1986, als der junge Günter Krämer Erich Wolfgang Korngolds «Tote Stadt» mit Verweisen auf Hitchcocks «Vertigo» als Psychodrama unheilbarer Traumatisierungen aufschlüsselte. Horres läutete damit einen ästhetischen Paradigmenwechsel ein, der an dem bis...
Wenn ein Reisender in einer Winternacht … Ja, wenn also dieser Reisende in einer Winternacht (oder im Morgengrauen) nach Russland kommt und schon im Zug auf einen Mörder sowie einen bleichen Beamten trifft, nicht ahnend, dass auf der Sitzbank hinter ihm eine Tote liegt, dann kann man eigentlich sein gesamtes Vermögen darauf verwetten, dass man sich in einem Roman...
