Mädchenhaft, verletzlich

Flirt mit Puccini: Anna Netrebko gibt an der Bayerischen Staatsoper in München ihr Turandot-Debüt

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Ein charmanter kleiner Etikettenschwindel ist die Sache schon. Den zweiten «Turandot»-Akt hatte Anna Netrebko bereits in der letzten Silvestergala der Met gestemmt – zusammen mit den ersten Aufzügen aus «Tosca» und «La Bohème». Fürs eigentliche Debüt in der Killerrolle als traumatisierte chinesische Prinzessin erwählte sie nun die Bayerische Staatsoper (wie schon bei der Lady Macbeth), was bedeutet: Weil in München alles mit Puccinis letzten authentischen Tönen endet, also mit Liùs Tod, sind das geschätzte fünf Minuten mehr Gesang als in New York.

Dass die Netrebko kein Fall für die stählerne Attacke ist, kommt der Interpretation zugute. Bei ihrer Turandot schwingt (am 28. Januar) das Mädchenhafte, Verletzliche mit – und damit die lyrische Sozialisierung der Diva. Spitzentöne werden nicht abgefeuert, sondern klug vorbereitet, kontrolliert, eher sogar zurückgenommen. Die Wahl-Österreicherin bietet in Extremlagen nicht Drastik aus Notwehr, sie wahrt die gute Vokalerziehung. Man hört, wie ihr Sopran auf natürliche Weise gewachsen ist, wie sehr er sich zu Hause fühlt im Dramatischen – und auch, wo sich Sopranistinnen in der Partie wehtun könnten: in der Mittellage, auf die auch Anna ...

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Opernwelt März 2020
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Markus Thiel

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