Machtspiele
Schön soll sie gewesen sein. Viel mehr Positives findet sich in den «Annalen» des römischen Geschichtsschreibers Tacitus nicht über Poppaea, jene Frau, in die der römische Kaiser Nero so verliebt war, dass er dafür sowohl seine Mutter als auch die ins Exil entwichene Ehefrau ermorden ließ. Dass Claudio Monteverdi ausgerechnet diesem grausamen Paar eines der schönsten Liebesduette der Operngeschichte zueignete, mag aus heutiger Sicht befremden.
Aber erstens lässt Monteverdi in diesem antizipierten Liebestod das baldige Verblassen der Beziehung schon erahnen, zweitens schrieb sein Librettist Busenello dem Paar eine nachgerade obsessive Haltung ins Stammbuch: «Ich betrachte dich, ich besitze dich …»
Bei Christoph Marthaler stehen die beiden regungslos nebeneinander. Am Ende fällt Nerone zu Boden. Und Poppea geht – mit einer anderen Frau … Ein Fall von Liebe? Die ist den gesamten Abend über abwesend. Die Allegorien Glück, Tapferkeit und Liebe kann man nur hören – ihre Leichen werden in Säcken entsorgt. Und damit ist der Schweizer Regisseur in seiner Auseinandersetzung mit Monteverdis Opus summum am Theater Basel der Antike und der Entstehungszeit des Werks im Prinzip ebenso nah wie ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Alexander Dick
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So viel gereckte Fäuste, wütend im Widerstand gegen eine verkehrte Welt. Später dann, am zweiten Abend des zweiteiligen, von Krystian Lada arrangierten Verdi-Pasticcios an Brüssels La Monnaie: so viel Pistolengefuchtel wie lang nicht mehr gesehen; schließlich geht es ja um die Geschichten von ein paar Männern und Frauen, damals, 1968, und 40 Jahre danach. Zwischen...
Die Menschen in Tschechows Theaterstücken, die, beobachtet man sie bei ihrem Tun, weit mehr Menschen sind als nur Figuren auf einem imaginären Schachbrett, leiden fast ausnahmslos an einer Diskrepanz. Es ist die (gänzlich undialektische) Diskrepanz zwischen dem, was sie sich wünschen und wollen, und dem, was sie daraus zu machen imstande sind. Das Leben, wenngleich...
