Kritisch distanziert
Am Bielefelder Theater kümmert man sich noch liebevoll um seine Premierenabonnenten. Weil nicht jeder wissen kann, dass ein Bühnenwerk von zweieinhalb Stunden Dauer wie «Das Rheingold» ohne Pause gespielt wird (zweifelsohne eine gezielte Gemeinheit Wagners gegen die gesellschaftlichen Usancen seiner Zeit), wird an der Bar empfohlen, vor dem Ereignis schnell noch aufs Häusl zu gehen, um den Abend unbeschwert genießen zu können.
Das allerdings lag kaum im Interesse der Regisseurin Mizgin Bilmen, die schon in ihrer aufsehenerregenden Inszenierung von Marc-André Dalbavies «Charlotte Salomon» gezeigt hat, dass in der Oper nicht das schiere Vergnügen, sondern Einsichten in die Bedingungen unseres Lebens und die politischen Verhältnisse des 21. Jahrhunderts im Vordergrund stehen (da hätte der «Rheingold»-Komponist ganz gewiss heftig zugestimmt).
Und weil es Bilmen eben nicht um ein romantisches Märchen von Zwergen, Riesen und Göttern geht, hebt sich zu Beginn der Eiserne Vorhang mit piependem Warnsignal und Alarmlichtern. Das Statement: Wagners Drama um die Macht, welche die Schönen und Reichen in Gestalt des verfluchten Rings an sich reißen, spielt sich ab in einem technoiden Walhall ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Michael-Struck-Schloen
Mit «Alcina» begann 1978 die Geschichte der Karlsruher Händelfestspiele – damals noch auf Deutsch und gekürzt. Jetzt ist man zu dieser wohl populärsten, meistgespielten Oper Händels zurückgekehrt, auf Italienisch und ungekürzt. Mit über vier Stunden Spieldauer wurde es eines langen Abends Reise in die Nacht.
Händels Partitur, die für die erotischen Liebeswirren...
Die Oper ist nicht nur der spektakulärste Genre-Mix der Kulturgeschichte, sondern darüber hinaus janusköpfig wie keine andere Kunstform. Zwar steht am Anfang der antike Mythos (Orpheus, Daphne), später bei Wagner der nordische, doch zugleich ist das Musiktheater immer auch exemplarischer Ort des politisch-sozialen, ästhetischen, technischen Fortschritts:...
Hätte Nietzsche «Die Rheinnixen» gekannt, hätte er seine Meinung, Jacques Offenbach, «dieser geistreichste und übermütigste Satyr», sei «eine rechte Erlösung von den gefühlsamen und im Grunde entarteten Musikern der deutschen Romantik», womöglich relativiert. Denn es handelt sich hier durchaus um ein Werk, das als romantische Oper sui generis durchgeht, keineswegs...
