Kloster der Angst
Die Kasseler Erstaufführung von Francis Poulencs aus seiner Zeit, aus dem Œuvre seines Schöpfers und über weite Strecken aus dem Genre Oper überhaupt fallendem Musiktheater wurde zum Überraschungserfolg. Was Reinhild Hoffmann aus den «Dialogen der Karmeliterinnen» machte, war der Gegenpol zu einer Inszenierung, die das Stück als neukatholisches Mysteriendrama begreift. Statt numinose Nebel wallen zu lassen, hat die Choreografin das Geschehen auf seinen Kern reduziert.
Sie braucht lediglich ein paar Stühle, um die sparsame Handlung lebendig werden zu lassen, genauer: einen Holzstuhl für jede Nonne. Mehr an Mobiliar, mehr an Requisite ist nicht erforderlich, mehr braucht das Publikum auch nicht, um in einen psychologischen Verlauf hineingezogen zu werden, der zu den komplexesten gehört, die je das Licht der Opernbühne erblickten. Schöne Bilder entstehen in diesem Entwurf: Stühle im Kreis bei der Aufnahme Blanches in das strenge Kloster, Stühle in einer abgewinkelten Reihe bei der Einführung der neuen Priorin und – Höhepunkt, auf den alles zuläuft – Stühle, die zu den komponierten Schlägen der Guillotine in der Hinrichtungsszene am Ende einer nach dem anderen umgestoßen werden. Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ein erstaunliches Ritual ereignete sich am 24. Dezember des Jahres 1907 in einem unter-irdischen Gewölbe des Palais Garnier, der Pariser Opéra: Eine Gruppe vornehm gekleideter Würdenträger deponierte dort an entlegener Stelle zwei topfartige Gefäße, in die man 24 Schallplatten mit Aufnahmen bekannter Sänger und Instrumentalisten dieser Zeit versenkt hatte, «Urnen»,...
In der Verantwortung des Kultursekretariats NRW und der Landesregierung gibt es zwei Fonds: Einer heißt «Neues Musiktheater», der andere «Experimentelles Musiktheater». Worin unterscheiden sie sich, und wo arbeiten sie zusammen – denn trotz der unterschiedlichen Ansätze gibt es ja bestimmt auch Überschneidungen?
Der «Fonds Neues Musiktheater» ist eine schon etwas...
Als sich Benjamin Britten Ende der 1960er Jahre mit der Vertonung von Thomas Manns «Tod in Venedig» zu beschäftigen begann, stellte er sich einer Herausforderung, die er sein ganzes Leben über gescheut hatte. «Ich bin so mutig, das Beste zu machen, was ich jemals geschaffen habe», äußerte sich der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Komponist – ein Mut, der sich...
