Jenseits des Dogmas
Immer wieder stellt sich die Frage, wann und wo man am liebsten gelebt hätte. Die klassische «Rückwärts-Utopie» ist die Folge: natürlich in der Vergangenheit – im alten Athen oder antiken Rom, im heilen Mittelalter, im prächtigen Rokoko oder in der heimeligen Romantik. Geschichte verheißt Schutz vor den Krisen der Gegenwart. Schon in die jüngere Vergangenheit zieht es die wenigsten.
Dabei würde selbst die Nachkriegszeit genügend Anlass zum freudigen Eintauchen in die Musik geben, zumal in die damals neue, von totalitären Regimes gering geschätzte, wenn nicht bekämpfte Musik: Komponisten wie Messiaen, Varèse, die Darmstädter Avantgarde, Boulez, Nono, Stockhausen belebten die Szene, aus Amerika kam die Musik von Ives und Cage, die Fluxus-Bewegung, aus Polen zudem neues Kino und Theater. Die zentrale Lage des «Wirtschaftswunderlandes» BRD förderte vor Ort die Internationalität. Darmstadt und Donaueschingen, die Kasseler «Documenta» wurden zu Zentren der ästhetischen Moderne. Ligeti wie Kagel zog es nach Köln, wo der großmächtige WDR zur Zentrale des Fortschritts wurde. Dass die Staaten des «real existierenden Sozialismus», dass auch die außereuropäischen Kulturen eine geringere Rolle ...
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Opernwelt Jahrbuch 2025
Rubrik: Luciano Berio und Cathy Berberian, Seite 90
von Gerhard R. Koch
Kurzfristig sprang Véronique Gens in Axel Ranischs Inszenierung von Prokofjews «Spieler» in Stuttgart ein und bestimmte gleich das Bühnengeschehen. «Sie singt und spielt mit einer sensationell vornehmen Präsenz und Haltung», schrieb unser Kritiker Götz Thieme. «Sie muss nur, gewandet in einen Pelz-Satin-Traum in Orange, die Beine übereinanderschlagen, unter ihrem...
Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen
enden. Du Zeit, die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.
Gefühle zu wem? O du der Gefühle
Wandlung in was? –:
in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser,
das, uns übersteigend, hinausdrängt, –
heiliger Abschied:
da uns das...
Als im Jahr 1960 die erste Ausgabe der OPERNWELT erschien, war die erste große Auseinandersetzung der Kritik mit dem Musiktheater der Nachkriegszeit bereits Geschichte: Wieland Wagner hatte 1951 zur Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele mit seiner «Ring»-Inszenierung und vor allem mit seinem «Parsifal» die bis dahin gültigen Sehgewohnheiten des Opernpublikums...
