Ironischer Realismus

Giordano: Andrea Chénier Leeds / Opera North

Opernwelt - Logo

In «Andrea Chénier», seiner erfolgreichsten Oper, widmete sich Umberto Giordano wahrlich einem würdigen Gegenstand: Ein Dichter und politischer Aktivist gerät zwischen die Mahlsteine des Robespierre’schen Terrors und wird schließlich guillotiniert. Nicht nur die musikalisch einprägsame Faktur des Werkes – insbesondere der Titelpartie – und Illicas starkes Libretto lohnen den Besuch in Leeds: Die gut besetzte Neuproduktion der Opera North überzeugt auch dank einer intelligenten Inszenierung. 

Joanna Parkers Ausstattung dient der Erzählung, ohne bloß Staffage zu sein.

Zunächst in dunklem, semi-modernem Stil gehalten, evozieren Bühne und Kostüme später in den Szenen um Intrige und Gerichtshof einen historischen Realismus. Häufig nutzt die Regisseurin Annabel Arden die Ausstattung als ironisch-kritischen Kommentar zu der romantischen Fabel: Die Gräfin de Coigny, die im ersten Akt ihren Diener Gérard feuert, weil dieser auf ihrem Fest einen Aufstand der Armen inszeniert, könnte ohne Weiteres einem Catwalk der Achtzigerjahre entsprungen sein, während Carlo Gérard und sein geschundener Vater eher an Gestalten aus der ITV-Serie «Downton Abbey» erinnern.

Die geradezu wagnerianische Fülle an ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2016
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Tom Sutcliffe

Weitere Beiträge
Verdis Amneris schreibt Briefe

Die wichtigste Sängerin in Verdis Leben nach Giuseppina Strepponi, der ersten Abigaille im frühen «Nabucodonosor», war die aus der Nähe von Prag stammende Teresa Stolz(ová). Bei den Proben zu «Aida», in der sie 1872 die Titelrolle sang, und zur «Messa da Requiem» kam ihr der Komponist so nahe, dass Strepponi, nach langen Jahren als Konkubine schließlich Verdis...

Aus deutschen Landen frisch ins Ohr

Dass Frankfurter Künstler wie die Altistin Katharina Magiera und der Gitarrist Christopher Brandt sich um den Genius Loci bemühen, überrascht nicht. Doch haben die beiden abseits des viel begangenen Weges nach seltenen Goethe-Vertonungen gesucht; auch bei den Großen der Liedkomposition wie Mendelssohn, Schumann und Wolf (wobei bei den beiden Ersteren Lieder nach...

Nebel des Grauens

Londons Nebel war notorisch. Aber er gab der Metropole an der Themse zugleich eine ganz spezielle Note, machte sie angeblich so unvergleichlich, dass nicht mal Flugzeuge abreisen wollten. So zumindest der Aphorismus eines Satirikers. Fog und Smog soll es schon im London des 13. Jahrhunderts gegeben haben; die Emission von schwefelhaltigem Rauch durch Kohleheizungen...